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die kurze, ſteile Außentreppe anſchließend, um die erſte und einzige Etage halb herum läuft. Eine wunderſame Empfindung regt meine Seele auf, wie ich hier in Betrachtung verſunken ſtehe— und ich nehme ſie mit auf den Heimweg; kann ich ſie Euch nennen? Sie ſelber iſt ſtumm; ſie iſt eine jener unbeſtimmt ſeligen Entzückungen, deren Sprache nur Thränen ſind. Wie bin ich froh, daß keine Menſchenſeele mir begegnet, die mit widrigem Geſchwätz mich in den Bann der Alltäglich⸗ keit hinabriſſe.
Jetzt bin ich nahe der Stadt. Es verdrießt mich, ſchon hineinzugehen. Links drüben iſt ein Hügel, der dem An⸗ denken meines Dichters geweiht iſt. Dort will ich noch ein Stündchen lang träumen. Zwiſchen Blumenbeeten und rieſelnden Quellen, über die ſandbeſtreuten Wege ſteig ich empor, und ein freundliches grünes Wäldchen nimmt mich in ſeine Schatten auf. Dort, wo es aufhört, am Abſprung des Hügels, über die Stadt gen Weſten hinblickend, ſteht inmitten einer weißen Rotunde das Bild Vater Hebel's noch einmal, von dieſem Widerſchein heiliger Milde umfloſſen, der Einem leuchtend und wärmend in das Herz dringt. Und auch das Abendroth der Sonne gießt ſeine gemilderten Flammen über dieſen Weihe⸗ ort aus, und mir'iſt, als ſäße ich auf Tabor, dem Berge der Verklärung!
Ueber mir, um das Innere der Rotundendecke, leſe ich jenes einfach erhabene Gedicht Hebel's angeſchrieben:
„Weiſch, wo der Weg zum Mehlfaß iſch? Zum volle Faß? Im Morgenroth
Mit Pflüeg und Charſt dur's Weizenfeld, Bis Stern um Stern am Himmel ſtoht.“
Wahrlich ein ſinniger Gedanke, dies Evangelium der Arbeit und Gottesfurcht, dies koſtbare Vermächtniß, das gleich⸗ ſam ein ſterbender Vater ſeinen Kindern übergeben, wie eine zweite Bergpredigt von hier hat herabtönen laſſen! Es iſt ein goldenes Gedenkblatt, das jedem Wanderer von dieſer Stelle aus mitgegeben wird, auf daß es ihm ewig im Herzen ruhe:
„Weiſch, wo der Weg in d' Armuth goth?
Lug numme, wo Taffere ſin!
Gang nit verbei,'s iſch guete Wi,
's ſin nagelneue Charte drin.
Im letzte Wirthshaus hangt e Sack,
Und wenn de furtgoſch, henk' ena!
Du alte Lump, wie ſtoht der nit, Der Bettelſack ſo zierlig a!
Wo iſch der Weg zu Fried' und Ehr',
Der Weg zum gueten Alter echt?
Grad fürſi goht's in Mäßigkeit,
Mit ſtillem Sinn in Pflicht und Recht.
Und wenn de'n amme Chrüzweg ſtohſch', Und nümme weiſch, wo's ane goht,
Halt ſtill und frag' di G'wiſſe z'erſt,
sch adütſch, Gottlob, und folg ſi'n Roth!“
8 Preneli.
Unſer Theater florirt. Solche Komödianten habne ſie hier lange nicht geſehen. Am letzten Sonntage juſt am Johannisfeſte, iſt das Vreneli über unſere Bretter gegangen. — Wer iſt das? fragt Ihr neugierig. Nun, ich ſag's Euch. Aber iſt denn Keinem von Euch aufgefallen, wenn er Hebel's allemanniſche Gedichte geleſen hat, daß das Vreneli eine gar wichtige Rolle darin ſpielt? Ja, es hat auch leibhaftig gelebt und iſt eine intime Freundin von Vater Hebel geweſen.
Vor nahezu ſiebzig Jahren hat das Vreneli beim Kugel⸗ wirth in Steinen gewirthſchaftet.— Einſtmals iſt es dem Steiner Küſter als ein Findelkind, in Kiſſen eingehüllt, vor der Thüre gelegen und hat nichts an ſich gehabt als ein feines Hemdchen und ein goldenes Kreuzlein um den Hals. Der Küſter hat es aufgenommen und dem Krugwirth übergeben, weil er ein Geiz⸗ kragen war und das Kind nicht auffüttern mochte, aber das Kreuzlein hat er ſchön bei Seite gebracht, der Spitzbub'!
Nun iſt das Vreneli aufgewachſen und eine gar liebliche Jungfrau geworden, alſo, daß die ſchönſten Burſche des Orts nach ihr Verlangen trugen. Der Kugelwirth hat ſie nun freilich dem Reichſten unter ihnen verſprochen; aber das iſt
ein häßlicher Kerl, und auch nicht jung mehr— und das Vreneli hat ihr Herz ſchon lange an den armen, braven, heitern, hübſchen Fridli verſchenkt, der ſich vor Jahren nach Karlsruhe unters Militär hat ſtellen müſſen und jetzt wider die Franzoſen im Felde iſt. Davon weiß der Pflegevater natürlich nichts, und wenn ſie's heute auch dreiſt geſteht, 8 hilft ihr nichts! auf morgen iſt die Hochzeit mit dem reichen Franz angeſetzt; der Vater iſt halsſtarrig, der Bräutigam tritt auf keinen Fall mehr zurück und das Vreneli weint bittere Thränen in ihre Hochzeitsſchürze.
Da, zur guten Stunde, kommt der Herr Hebel des Weges her; er bringt einen Fremden mit und ſie ſprechen nur eben ein, um vielleicht Herberg' zu finden für die Nacht. Als der Hebel das Vreneli weinen ſieht, forſcht er und er⸗ fährt, was ihr das Herz abdrückt. Er tröſtet ſie. Er will mit dem Kugelwirth ein ernſtes Wort reden. Aber da kommen der Herr Kirchenrath ſchön an:*s iſt nichts! Morgen iſt Hoo'⸗ zeit!— Na! indeß bleiben die beiden Reiſenden im Quartier. — Mitternacht iſt ſchon nahe. Alles ſchläft in den Häuſern; nur Vater Hebel, dem das Unglück des Mädchens tief zu Herzen gegangen, ſitzt noch wach am offenen Fenſter ſeines Kämmerleins und blickt gedankenvoll in die Nacht, als ſollte aus ihrem Dunkel ein Stern der Erleuchtung ihm hervorbrechen.
Plötzlich dringt ein leiſes Geräuſch von der Straße her an ſein Ohr, ſein Auge verfolgt die Richtung deſſelben, und er ſieht— ſieht es deutlich, wie drüben an dem Hauſe des Küſters ein Dieb vorſichtig die Leiter anſetzt, daran hinauf⸗ klimmt und katzengleich in ein raſch erbrochenes Fenſter hin⸗ einſchlüpſt. Wie der Blitz iſt Vater Hebel die Treppe hin⸗ unter auf der Straße, im Hinterhalt lauernd, bis der Räuber zurückkehrt. Der hat den Boden noch kaum erreicht, fühlt er ſich ſchon gepackt, läßt erſchrocken ſeine Beute fallen und flieht ſpornſtreichs von dannen.
Am andern Morgen, da Herr Hebel den erjagten Raub, einen ſchweren Lederbeutel, wieder zur Hand nimmt und in Gegenwart des Fremden unterſucht, ſtößt dieſer plötzlich einen Schrei aus und greift mit zitternder Hand nach einem Kreuz⸗ lein, das ihm ins Auge fiel, es iſt daſſelbe, welches einſt Vreneli am Halſe trug, das einſt die Mutter ihrem Kinde umhing zum Zeichen der Wiedererkennung— es iſt der Vater— Vreneli's Vater, wie es des Küſters Geſtändniß vollends ausweiſt!
Welch' ein grenzenloſes Glück könnte es nun geben, wenn nicht die unſelige Hochzeit—— ei was! Jetzt iſt Vater Hebel im Fahrwaſſer.
„Potz Wetter!“ ruft er.„Was hat noch ein falſcher Vater zu ſagen, nun ein rechter da iſt?'s wird nichts gehoch⸗ zeitet!— Später einmal, wenn der Bräutigam aus der Fremde erſt zurück iſt!“
Und Blitz— da iſt er! Wie durch Zauber beſchworen, ſteht der Fridli mit einem male da— aus dem Felde heim⸗ gekehrt— mit dem Ehrenkreuze entlaſſen— und Alle ſtaunen, — aber das Vreneli ſtürzt ihm jauchzend entgegen und wird von ſeinen Arme umſchlungen und weint helle Thränen an des Geliebten Bruſt— aber diesmal ſind es Thränen der Freude, Thränen ſprachloſen Entzückens!
Vreneli und Fridli ſind, wie natürlich, ein Paar worden. Des Mädchens Vater iſt vordem ein großer, reicher Herr am königlichen Hofe in Frankreich geweſen; aber die Revolution, vor der er flüchten mußte, hat ihm alle ſeine Güter geraubt— nur ein letztes Sümmchen nicht, das er heimlich aufbewahrte, um es einſtmals ſeinem wiedergefundenen Kinde als Erbtheil zu geben. Mit dem Sümmchen haben die Glücklichen ſich eine Wirthſchaft erkauft— und da heimſen ſie nun in ge⸗ ſchäftigem Frieden, beglückt und geſegnet, viele Jahre lang, bis Mann und Vater geſtorben und die Kinder hinausgegangen ſind ir die weite Welt, und das Vreneli ſich graut, auf ſeine alten Tage ſo einſam im verlaſſenen Hauſe zu ſitzen. Flugs macht ſie ſich auf nach Karlsruhe zu ihrem lieben Herrn Kirchenrath; dem hilft ſie fortan die Wirthſchaft führen und iſt ihm eine unverdroſſene treue Pflegerin, bis er ſein ehr⸗ würdiges Haupt zur Ruhe legt. Da wondert ſie mit ſchmerz⸗
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