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Nichts iſt intereſſanter als dieſe Stätte, aber auch nichts bedeutungsvoller für die Exiſtenz des Handwerkerſtandes und ſeine Zukunft. Während in dieſer großen Galerie die eiſernen Rieſen mit den gewaitigen ſchwarzen Rädern, Cylindern, Armen und Knien uns eine unheimliche Ehrfurcht abnöthigen und wir vorſichtig zurücktreten angeſichts der furchtbaren Ruhe, in welcher ſie pumpen, drehen, ſich hin und her bewegen mit der Gewiſſenhaftigkeit eines Pendels und der genaueſten Berechnung des geringſten Momentes— während dieſes maſſive Rieſen⸗ werk uns erdrückt, ſchallt uns aus der Handwerker⸗Abtheilung der vielſtimmige und doch ſo ſchweigſame Fleiß entgegen.
Hunderte von Zuſchauern umringen die Abtheilung. Müh⸗ ſam gelingt es, ſich einen Platz zu erobern.
Da kiegen die offenen, von kleinen Galerien umgebenen, oder von Schnüren abgegrenzten Werkſtätten vor uns. Wer zählt ſie Alle, die geſchäftigen Hände, die da hin und her ſich bewegen, die Köpfe, die ſo pflichtbewußt über das Werk hingebeugt ſind; wer zählt alle die kleinen Rädchen, Spindeln, Meſſer, Feilen, Sägen, Hämmer und Walzen, die hier in Bewegung ſind! Es iſt ein wirres Durcheinander aller nur denkbaren Geräuſche von Werkzeugen; aber keine menſchliche Stimme ruft der andern zu; keine ertheilt ihre Befehle, kein Meiſter ſchilt den Geſellen oder den Burſchen; jeder achtet auf ſein Werk; eine Hand reicht ſchweigend der andern die zu vollendende Arbeit, keine Minute darf verloren gehen, da⸗ mit Alles ineinander greife, es ſei denn, daß die Frühſtücks⸗ ſtunde ſchlage.
Und dieſe Stunde iſt ebenſo heilig wie die der Arbeit! Pünktlich läßt alles die Maſchine, die Hände ruhen; ein Tiſchchen wird in der offenen Werkſtätte gedeckt, die Suppe, der Braten, eine Flaſche Wein wird aufgetragen und der Patron, die Gehülfen und die Arbeiterinnen ſpeiſen in Familie.
Strebſam und fleißig, wie es der Franzoſe immer iſt, vernachläſſigt er niemals die Stunde des Frühſtücks und des Mittagsmahles; beide werden mit der größten Präciſion inne gehalten, und kaum gibt es in Paris eine Werkſtatt, in welcher nicht Alles um die beſtimmte Stunde die Arbeit ruhen ließe.
Mir gegenüber wohnt z. B. ein Flickſchuſter, der ſich von einem Kohlenmagazin neben der Thür deſſelben ein Eckchen kaum ſo groß wie eine Portechaiſe, etwa den Raum einer tiefen Fenſterniſche, abgemiethet hat. Es bleibt ihm hier gerade ſo viel Raum, um auf ſeinem Strohſchemel zu ſitzen, und beim Nähen iſt er kaum im Stande, den Arm auszuſtrecken. Den ganzen Tag ſitzt er auf ſeinem Schemel und flickt die Schuhe der Nachbarſchaft, in die er ſich noch mit einem Concurrenten zu theilen hat; aber bei dem hohen Preiſe, mit welchem ſich alle Handwerker ihre Arbeit zahlen laſſen, berechne ich doch, daß er des Tages ſeine fünf bis zehn Francs, alſo 1 ½ bis 2 ½ Thaler einnehmen muß, wo⸗ mit er ſeine an der Barrikre wohnende Familie ernährt.
Pünktlich um 12 Uhr Mittags iſt die Thür zu ſeiner Portechaiſe geſchloſſen und der Schemel leer. Er ſitzt in einem der billigen Arbeiter⸗Reſtaurants, nimmt dort ſein Frühſtück ein, an welchem ein Glas vom„Blauen“ nicht fehlen darf, und um 1 Uhr nimmt er wieder ſeinen Schemel ein und den Knieriemen zur Hand. Unter einem Frank, alſo 8 Sgr., be⸗ ſorgt er mir nicht die unbedeutendſte Havarie an meinem Schuh⸗ zeug, und der Mann hat Recht, denn er will leben. Wenn Jeder gut bezahlt wird, kann auch Jeder für ſeines Leibes Nothdurft und Nahrung beſſer ſorgen, er wird alſo ſeines Lebens froher als es ſonſt geſchehen könnte. Das Geld roulirt, es läuft durch Jedermanns Hand und Jedermann hat etwas dafür und davon.
Es gibt zwar trotzdem Armuth hier wie überall; aber ſelbſt der Lumpenſammler, der noch lange nicht der Beklagens⸗ werthe iſt, für den man ihn halten möchte, er lebt wenigſtens, d. h. er iſt nicht auf ſo elende Nahrung angewieſen wie in Deutſchland.
Doch kehren wir zurück zu unſern Handwerkern in der Weltausſtellung.
Das Frühſtück iſt beendet. Das ſaubere Tiſchtuch wird von einer der Arbeiterinnen mit den Schüſſeln und Gläſern
beſeitigt. Die Stunde ſchlägt, wo das Werk wieder aufge⸗ nommen werden muß. Alles geht an ſeine Beſchäftiguug, die Räder beginnen ihre flinke Bewegung wieder, die Hände ſind wieder thätig und daſſelbe ſummende und ſchnurrende Geräuſch der Arbeit iſt wieder im Gange.
Hunderte, ja vielleicht Tauſende von Gäſten drängen ſich wieder an die Barrieren, um den fleißigen Arbeitern zuzu⸗ ſchauen, und wer von den Erſteren hier keinen Begriff von der fieberhaften Thätigkeit Frankreichs bekommt, der ſoll lieber ſein Reiſegeld ſparen und zu Hauſe bleiben.
Sehen wir uns jetzt die verſchiedenen Handwerke an. Wenige von uns haben eine Idee von der Leichtigkeit, mit welcher die complicirteſten Dinge hier mit Hülfe der Maſchine geſchaffen werden. Erzeugniſſe, deren Billigkeit den Laien bisher überraſchte, wenn er überlegte: wie viel Schweiß mag daran kleben, erſcheinen uns hier plötzlich wie ein Kinderſpiel, das wir ſelbſt ohne Mühe zu Stande bringen, wenn wir nur die Allerwelts⸗Maſchine beſitzen, die das Alles mit Hülfe eines gewöhnlichen Handlangers ſchafft.
Alle die kleinen und feinen Knöpfe, ſo ſauber und müh⸗ ſam geſponnen, die Stickereien, die Häkeleien, die Gewebe, die ſämmtlichen verwickelten Handarbeiten, die ſie aus tauſend Fäden zuſammen geſponnen, die Maſchine ſchafft ſie ohne allen Schweiß, ohne Kopfzerbrechen, und viel genauer als die Menſchenhand ſie herſtellen könnte. Und die ganze Arbeit geht ſo„mir nichts, dir nichts“, ſo glatt, ſo unterhaltend, daß wir uns ſelbſt an die Maſchine ſetzen möchten, als müßte es ein Vergnügen ſein, hier mit zu wirken.
Seht Euch zuerſt die große Hutfabrik an, von der ſo viel ſchon erzählt worden iſt. Auch ſie iſt à jour; Jedermann darf ſich den ganzen Proceß anſehen und Tauſende ſehen täg⸗ lich mit an, wie auf der einen Seite ein paar Frauen die Haſenhaare ſortiren und auseinander pflücken, wie dieſe dann
durch den Luftzug von einem eiſernen Kanal aufgenommen
werden, auf der andern Seite gegen einen ſich drehenden kupfernen Cylinder fliegen, an dieſem die compacte Form eines Bienenkorbs annehmen, und als eine große Kapuze von der Form herabgenommen werden, um von hier in das heiße Waſſer zu wandern, durch jmehrere Hände verarbeitet, dann durch einen Arbeiter auf einem Holzblock die Hutform zu erhalten und von noch einem andern Arbeiter appretirt zu werden.
Der ganze Proceß dauert vielleicht eine Viertelſtunde; es iſt alſo nicht viel übertrieben, wenn ich ſchon ſagte man ſteckt auf der einen Seite ein Haſenfell in die Maſchine und auf der andern Seite kommt ein Filzhut heraus.
Drüben ſitzen die Arbeiterinnen, die den Hut gleich unter die Steppmaſchine nehmen, ihn mit Band garniren, ihm das Futter geben und ihn dann gleich auf den Markt wandern laſſen. Geſchwindigkeit iſt ſchon lange keine Hexerei mehr. Ein Pariſer Witzblatt will ſogar ſchon eine Maſchine entdeckt haben, deren Beſitzer zu dem Beſteller ſagt:„Mein Herr, Ihr Hut wird ſpeben fabricirt. Treten Sie in dieſe Maſchine und Sie werden ſogleich mit dem Hut auf dem Kopf wieder herauskommen!“
Da drüben liegt auch die Schuhmacheswerkſtatt, die für das Publikum nicht geringes Intereſſe hat. Hier könnteſt Du, Leſer, Dir um 3 Uhr ein paar Stiefel anmeſſen laſſen und um halb 4 Uhr könnteſt Du ſchon damit in der Welt umher⸗ laufen, den vermittels der Maſchinen und drei oder vier Arbeitern ſchafft dieſe Fabrik des Tages ohne jede Uebereilung funfzig bis ſechzig Paar Stiefeln!— Soll mir mein Schuh⸗ macher künftig noch ſagen, ich müſſe acht Tage warten, bis ich meine neuen Stiefeln bekomme!
Und wie einfach iſt die ganze Procedur! Da ſteht eine flinke, niedliche Arbeiterin, im Calicot⸗Kleide, mit einem ſauberen zierlichen Schurzfell und dem Hammer in der Hand, an der eiſernen Maſchine. Sie legt den Leiſten auf dieſelbe und die Maſchine packt ihn ſofort. Sie nagelt jetzt das Leder auf den Leiſten, was nur wenige Minuten erfordert. Dann geht der Stiefel zur Nachbarin, die mit der Maſchine die Meſſing⸗ ſchrauben in die Sohle bohrt. Wieder nur einige Minuten.
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