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Schinken an ſeine Bruſt, der Dritte probirte ſofort den edlen Achtundfunfziger, den der Gevatter ihm zugeſteckt, wenn er auf dem Schlachtfelde auch mal Durſt beläme.
Und nun wurden die Anker gelichtet. Ein nicht enden wollendes Hurrahrufen, Piſtolenſchießen und Tücherwehen! Aus den Weinbergen, aus den Wäldern das bergige Ufer entlang erhoben ſich immer neue Geſtalten, die noch winkten, riefen und ſchoſſen, bis das Dampfſchiff um eine Bergecke bog und den Nachblickenden entzogen war. Eine ähnliche Scene ſpielte noch einmal. Nachmittags landete man in Heidelberg.
Die Studenten ſuchten ihre Freunde auf. gemüthliche Tage, trotz des kriegeriſchen Allarms in aller Welt und der badiſchen Truppendurchzüge, verliefen ſchnell, und dann ging's auf der Bahn nach Mannheim und weiter nach Mainz. Die meiſten Wagen waren von Soldaten ge⸗ füllt, welche ſich allen Ernſtes gelobten, die Preußen zu maſſakriren, und jeden Schwur darauf mit einem Schluck ver⸗ ſiegelten.
In Mainz ſchien für die beiden Studioſi die Welt mit Brettern zugenagelt. Keine Bahn, kein Schiff mehr konnte die Reiſenden von hieraus auf die preußiſche Grenze ſchaffen. Auch der nothwendigſte Berkehr war gerade von jetzt ab unterbrochen, weil man täglich einer Belagerung von Mainz entgegenſah.
Die beiden Muſenſöhne rathſchlagten hin und her, liefen vom Bahnhof zum Dampfſchiffbureau und wieder zurück. Ver⸗ gebens! Und ſie waren— ohne Paß! Den hatten ſie ganz vergeſſen. Und ihr Dialekt verrieth ſie als Norddeutſche. Und die Süddeutſchen rochen damals in jedem reiſenden Bruder aus dem Norden einen preußiſchen Spion. Es war ihnen unterwegs ſchon ziemlich deutlich zugemuthet worden, daß ſie vielleicht ſo was wären. Hatte man doch erſt vor ein paar Tagen einen in Heidelberg ſtudirenden Studenten aus Nord⸗ deutſchland, der auf einem ländlichen Ausflug ſich ohne Legitimation einige Stunden von Heidelberg entfernt, in einem friedlichen Dorfe von Polizei wegen als Spion mit Beſchlag be⸗ legt, bis er in Heidelberg ſich feierlich als des Landesverraths unſchuldiger Wiſſenſchafts⸗Befliſſener ausweiſen konnte. Und unſere beiden Studioſi waren faſt ohne Geld, doppelt ver⸗ rathen und verkauft. Wohin ſollten ſie ſich wenden? Um⸗
kehren? Ausgelacht werden? Bei Leibe nicht!
S beſchloſſen ſie denn, nach Biberich überzuſetzen und ſich über Rüdesheim vom feindlichen Gebiet ins Preußiſche zu ſchmuggeln.
Geſagt, gethan. Und o Wandern, o Wandern, du freie Burſchenluſt! Die Vormittagsſonne brannte glühend vom wolkenloſen Himmel auf die ſtaubige Chauſſee hinter Biberich. Ach, und der knurrende Magen machte ſchon wieder bedenk⸗ liche Anſprüche. Doch es half nichts. Raſtlos wurde fort⸗ marſchirt, und da ſie eben keinen Paß oder auch nur etwas daran Erinnerndes bei ſich trugen, ſo wagten ſie um ſo weniger, in einem der ſoldatenwimmelnden naſſauiſchen Dörfer auch
nur einen Schluck zu trinken. Ueber drei Stunden waren ſie
gegangen. Sie nahten nun einem Dorfe, das nach allen Seiten hin ſich als Hauptpunkt der kriegeriſchen Operationen erwies. Hin- und herjagende Staffetten, Pulverwagen und Kanonen, ſich fortwälzende Infanterie⸗ und Cavaleriecolonnen, Waffenraſſeln, Hornſignale, Commando's und von ferne hin und wieder ein Schuß.
Die Marketenderinnen vor dem Dorfe an den ſiedenden Feldkeſſeln glichen der Haſe in der Wüſte; aber dieſe gaſt⸗ liche Haſe, ach, wie unerreichbar für zwei durſtende, hungernde, ermattete Muſenſöhne ohne Paß und mit der hochverrätheriſchen Sprache Norddeutſchlands.
Im Dorfe drängten Soldaten ſich an Soldaten, Naſſauer, Heſſen, Oeſterreicher. Auf den Straßen, in den Gärten, in den Häuſern überall Waffen und Uniformen, Lärmen, Schreien, Singen, Gebrüll zuſammengetriebener Schlachtthiere! Wie da durchkommen?
Mit möglichſt couragirtem Schritt, in würdigem Tempo, mit todesverachtendem Blick wanderten die beiden Studenten
Ein paar
die Straße entlang, von Soldaten umdrängt, gemuſtert, ange⸗ rufen, beinah geſtoßen. Aber vorwärts!....
„Halt! Meine Herrens, ihre Päſſe!“ fuhr es auf einmal wie ein Donnerſchlag aus der Kriegerwolke ins Ohr der Wanderer.„Halt! Halt!“ Sie ſtanden. Doch nicht einer jener Marsſöhne ſondern ein Hebräer ſeines Geſchlechts vertrat ihnen mit einem monſtröſen Bückling den Weg.
„Was wünſchen Sie?“ fragte der eine der Studenten mit ſtoiſcher Ruhe.
„Ihre Päſſe, wenn Se erloben, meine Herrens“, ſagte der Bückling.„Hoben Se wol einen Paß, meine Herrens?“
„Ja! Ja! Schon gut!“ ſagte der Student mit feſter Stimme.
Der Hebräer ſtreichelte ſich den rothen patriarchaliſchen Bart und erwiderte:„Sehr wol, meine Herrens. Wenn Se aber nicht hoben einen Paß, ſo werden der Herr Major Se ſetzen ins Arreſt.“
Die Studenten wickelten ſich aus dem Soldatenknäul heraus, den der Hebräer an ſich gezogen und gingen weiter.
„Halt!“
„O ihr Muſen“, brummte der eine Student,„nur keine Tragödie!“
Wieder war es ein Hebräer, der ihnen den Weg ver⸗ ſperrte.
„Hoben Se auch Päſſe?“ fragte er mit einer unnach⸗ ahmlichen Miſchung von Liebenswürdigkeit und Spott.„Gäben Se Ihre Päſſe!“
„Nun, nun, wir haben eben keine, aber Jedermann ſieht, daß wir Studenten ſind.“
„He! He! Dort iſt der Herr Major, würd' er doch wohl können aushelfen den Herrn Studenten mit zwei Päß!“
Ein Unteroffizier trat heran und erklärte, die Herren müßten dem Major die Päſſe zeigen. Hinter dem Dorfe ſei das Lager. Da könne Keiner paſſiren.
Der Hebräer rief:„Sehen Se, dort kommt der Herr Major! He! Gäben's ihm die Päß!“
Die Studenten wandten ſich raſch um und thaten, als ob ſie dem Major, der das Dorf hinunter ging, nacheilen wollten. Es gelang ihnen, glücklich die Hebräer, die Soldaten, den Herrn Major mit dem Bärenantlitz zu paſſiren, und in halber Desperation ſchritten ſie ſchnell die ſtaubige Chauſſee in der Sonnenglut zurück. Ach
Mit des Geſchickes Mächten Iſt kein ew'ger Bund zu flechten, Und— das Unglück ſchreitet ſchnell.
Todtmüde kamen ſie wieder in Biberich an, und die Mutter Natur ſiegte dieſes Mal in ihnen gänzlich über jeg⸗ liche ökonomiſche Strebſamkeit. Sie aßen und tranken und glaubten die Trümmer ihrer Habe nicht anſtändiger als ſo zu Grabe tragen zu können. Dann ſetzten ſie nach Mainz über. Und hier?
Sie boten alle Combinationsgabe auf, um des Geſchickes widrige Mächte dennoch zu bezwingen und Sieger zu bleiben. Der einzig mögliche Ausweg ſchien ein etwa— achtſtündiger Marſch über Kreuznach. Da— o Himmelslicht! da geht auf einmal das Gerücht, es werde heute noch ausnahmsweiſe auf eine Strecke nach Bingen zu ein Zug abgelaſſen.
Die Studenten fragten im Bahn⸗Büreau. Der Beamte ſah ſie zweifelhaft an und ſchüttelte den Kopf. Alſo Wind!
Eben wollten ſie ihren Marſch antreten, da— erneuert ſich das Gerücht, es wird Wahrheit!
Die Studenten ſaßen im Coupé, und es war ihnen, als hätten ſie jetzt die Welt gewonnen. Unter fortwährenden Signalen der Locomotive ſauſte der Zug am Rhein hinauf. Rechts und links in den Wäldern, den Gebüſchen, den Wein⸗ bergen waren Verhaue angebracht und kleine Dämme aufge⸗ worfen, hinter denen Poſten und Tirailleure Stand faßten, welche mit Signalen antworteten. Ihre Pickelhauben und Bajonnete blitzten im Sonnenſchein. Sie boten reichlichen Stoff zur Unterhaltung für zwei Süddeutſche, die ſich gegen⸗ ſeitig zum Schluß jeder Periode verſicherten, daß alle Prher, vornehmlich aber der Bismarck geviertheilt und gebraten
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