— .
———————
„Zum Wetter, Herr“, unterbrach der Genannte,„wollen Sie uns foppen? Was ſoll vorgefallen ſein, und wer ſoll mich unterrichtet haben?“
„Nun, Herr Graf“, accentuirte Weikert ſcharf,„wenn ich mich in meiner Annahme getäuſcht, dann bleibt mir die brüske Manier befremdend, mit der Sie ſich bei mir ein⸗ geführt.“
„Alle Hagel, Herr, Sie werden grob?“ Und der Offizier maß den Gegner von Kopf zu Fuß.
„Ich ſpreche nur“, ſagte dieſer gelaſſen,„meine Ver⸗ wunderung über ein Betragen aus, an das ich nicht gewöhnt bin. Man hält einem Soldaten Manches zu Gute, beſonders nach einem Kriege. Sie haben den letzten Feldzug mitgemacht, wie die Decoration auf Ihrer Bruſt bezeugt, indeß hätte ich nicht gedacht, daß eine ſo kurze Campagne ſchon ſo völlig die Sitten umzugeſtalten vermöge, die ſonſt unſerem Adel nach⸗
gerühmt werden.“
Die ruhige Würde, womit Weikert ſich äußerte, ver⸗ fehlte ihres Eindrucks auf den kecken Cavalier nicht ganz; das ging aus der Antwort hervor, die er gab:„Hab' ich Sie verletzt, ſo tragen Sie ſelbſt die Schuld. Ich darf erwarten, daß mir die üblichen Honneurs gemacht werden, ſobald ich irgendwo eintrete und mich nenne.“
„Ich glaubte vorausſetzen zu müſſen“, vertheidigte ſich Weikert,„Ihre Viſite gelte meinem Bilde, nicht meiner Perſon.“
„Nun, ich nehme Ihre Ungeſchicklichkeit nicht weiter übel; die Kenntniß des Umgangs mit den höheren Ständen mangelt Ihnen eben.“
Um die Lippe des Malers glitt ein ſeltſamer Zug, als er dies vernahm, ſeine Stirnhaut zuckte in die Höhe, doch im nächſten Moment lag in ſeiner Miene wieder der alte Gleichmuth, mit dem er erklärte:„Die höchſten Stände ſind für mich die an geiſtiger Bildung reichſten! Ueber dem Ver⸗ kehr mit dieſen hab' ich im Lauf der Jahre allerdings die höheren Stände einigermaßen vernachläſſigt.“
Der Baron, um einer neuen Aufwallung Falkenſtein's vorzubeugen, deutete haſtig auf das Bild:„Geſtatten Sie mir die Frage, Herr Weikert, wie lange Zeit Sie zur Aus⸗ führung dieſes trefflichen Werks gebraucht?“
„Vier Monat, Herr Baron!“
„Nicht länger? Das iſt erſtaunlich! Man ſollte meinen: vier Jahre!“
„Unter minder günſtigen Umſtänden wäre die Arbeit auch nicht ſo ſchnell von Statten gegangen“, räumte der Künſtler ein.
Erſcheint es nicht indiscret“, knüpfte Hochberg an, „wenn ich genauer nach dieſen Umſtänden forſche? Ich thue es rein aus ſachlichem Intereſſe.“
In Weikert's blaſſen Wangen ſchimmerte eine leichte Röthe auf.„Ihnen zu dienen, Herr Baron“, ſagte er, „Menſchen meiner Art ſind beſtändig von Stimmungen ab⸗ hängig. Tragen wir einen Stoff im Kopf, ſtellt ſich die Luſt zur Arbeit ein und kommt ein äußerer Anlaß, ein erhebender Eindruck hinzu, ſo können wir gar nicht anders, wir müſſen ans Werk und fühlen uns in einem wahren Fieber, deſſen Aufregung anhält, bis der letzte Strich gethan.“
Ein Klopfen an der Hauptthür hinderte ihn an der Fortſetzung des Bekenntniſſes. Er verbeugte ſich raſch: „Einen Augenblick Entſchuldigung, meine Herren!“ Damit ging er und öffnete.
„Guten Tag und ſchönſten Gruß!“ klang eine helle, anmuthige Frauenſtimme draußen an der Schwelle.
„Still, um Gotteswillen!“ flüſterte der Maler beſtürzt, entriß dem kleinen Handſchuh, der ſich ihm entgegenſtreckte, ein roſenfarbenes Billet und barg es im Nu in ſeiner Bruſttaſche.
„WVer da?“ rief Falkenſtein in höchſter Ueberraſchung
„Die Zofe meiner Schweſter?“ Es gab drei entfärbte Geſichter: das des Künſtlers, des
Mädchens und des Barons.„Graf Alexander!“ ſtotterte die Ueberbringerin des Billets.
„Von wem ſchönſten Gruß?“ donnerte der Offizier, ſeinen Pallaſch auf die Dielen ſtoßend, daß ſie dröhnten.
„Ich wußte nicht—“ zitterte das Mädchen.
„Was wußten Sie nicht?“
„Herr Graf, wo befinden Sie ſich?“ fragte Weikert, ſchnell geſammelt die Zofe hereinziehend und dem Aufbrauſenden entgegentretend.
Falkenſtein ſtreckte die Rechte aus: Perſon hier? Wo kommt ſie her?“
„Sie machen das arme Kind unfähig zu ſprechen“, nahm der Maler ſich der Bedrängten an.„Ihre Comteſſe Schweſter ſchickt mir eine Nachricht.“
„Was für Nachrichten hat die Comteſſe Fallenſtein Ihnen zu ſchicken?“
„Herr Graf?“ Ueber Weikert's gewölbte Stirn breitete
ſich dunkele Glut.„Sie haben Sich bereits einmal in meiner Wohnung Freiheiten genommen—“
Der Andere ließ ihn nicht ausreden; er ergriff den Arm des Barons und rief:„Benno, dieſer Herr gab unſerm Beſuch eine Deutung, die uns unklar blieb. Gehen Ihnen die Augen
auf? Marſch, Dirne, mit mir!“ Er wollte die Hand des
Mädchens packen, Weikert ſtieß ihm die Fauſt zurück:
„Das Mädchen iſt bei mir! Hier ſteht ſie unter meinem Schutz!“
„Laſſen Sie mich dem Herrn Grafen folgen, wie er befiehlt!“ flehte die Kleine, wobei ihr die Thränen durch die Wimpern ſtürzten.
„Soll ich von meiner Kraft Gebrauch machen?“ rief Falkenſtein.
„Sie würden vielleicht auf eine ebenbürtige Kraft ſtoßen!“ entgegnete Weikert kalt.
„Mein Gott, Herr Graf“, jammerte das Mädchen,„wie grundlos iſt Ihre Aufgebrachtheit! Die gnädigſte Comteſſe läßt Herrn Weikert nur ſagen—“
„Ich werde die Comteſſe ſelbſt fragen, was ſie dem Mann ſagen zu laſſen hat!“
„Ereifern Sie ſich doch nicht, Herr Graf!“
„Sie ſchweigen und gehen mit mir!“
„Ja, ja!“ ſtöhnte die Geängſtigte.
„Iſt es Ihr Wille, mitzugehen?“ fragte der Maler,
„Sonſt bleiben Sie!“
„Nein, Herr Weikert, ich gehe!“
„Das will ich Ihnen auch rathen!“ drohte der Offizier. „Vorwärts!“ Er wies ſie zur Thür hinaus, folgte ihr ein paar Schritte, drehte ſich um und hob von Neuem den Arm: „Wir halten Abrechnung, Burſche!“ Vor ſich hin aber knirſchte er:„Das niederträchtige Gerücht hat alſo Grund!“
Weikert zuckte die Achſeln und kehrte dem Davonraſſelnden den Rücken. Baron Hochberg, der während der ganzen Scene
wortlos und leichenfahl geſtanden, folgte ohne Abſchied von
dem Künſtler ſchwankenden Fußes dem Grafen. Deſto feſt
Schritts eilte Weikert, ſobald er ſich allein ſah, ans Fenſter, da es im Saal bereits dämmerte, zog das zierliche Billet aus dem Verſteck, löſte behutſam das Couvert, las die Zeilen,
las ſie zwei⸗, dreimal, ſchloß ſie gefaltet wieder in ihre Um⸗
hüllung ein und ſprach mit wehmüthigem Lächeln in ſich hin⸗ ein:„Holde Träumerin! So werde denn noch heute ent⸗ täuſcht!“ Dann warf er einen Blick nach der ſchlichten Schwarzwälder Uhr, die ſeinem Cromwell gegenüber an der grauen Wand hing.
(Fortſetzung folgt.)
„Wes will die
—
—


