—
uns bedienen, in Proceſſion daher kommen und auf eine gegebenes Zeichen das Deſſert auf allen Tafeln niederſetzen. Iſt das Wetter gut, ſo ſteigt die elegante Welt in die Equipagen und macht ihre Promenade am Ufer der See. Für viele Damen iſt dies eine täg⸗ liche Pflicht. Manche kutſchiren mit eigener Hand, ihre Cavaliere neben ſich. Die Frau hält die Peitſche, führt die Zügel, bändigt die wilden Pferde. Der Mann kreuzt neben ihr ruhig die Arme auf der Bruſt. Man geht zum See ſoupiren, und zwar in einem von Geſell— ſchaft überfüllten Kaffeehauſe. Manche auch machen noch eine Spazier⸗ fahrt auf einem Miniatur⸗-Dampfer. Die Gegend iſt ſehr ſchön, der See von lachenden Hügeln umgeben.
Am Abend iſt vielleicht Ball im Hotel, großer Ball, der mit Trompetenſtößen angekündigt wird. Die Herren zahlen Entree, die Damen ſind frei. Von der Toilette macht man ſich kaum eine Vor⸗ ſtellung. Man ſieht hier Gentlemen in rother Kravatte, mit beſtaubten Schuhen, mit einem Anſtrich des Boutikers, des Landmanns, des Boxers, die nach ihrem Geſchmack zu brilliren gedenken.
Die Frauen machen beim Eintritt zweimal die Runde im Saal, um ihre Toilette zu zeigen, und oft was für eine Toilette! Oft ſieht man ein junges Mädchen gekleidet wie die Damen des Quartier Breda; eine andere ſcheint in die Robe ihrer Großmutter gefahren zu ſein: ſchwarz und gold, blau und roth, violet und gelb; man könnte glauben, ſie habe ſich in einem Trödlerladen coſtümirt. Indeß iſt das Feſt ein ſehr ernſtes, ſteifes und ſchweigſames.
All dergleichen hat mich oft zu eigenthümlichen Gedanken über die jungen Mädchen Nordamerikas geführt. Die Frauen ſind der intellectuelle Theil der amerikaniſchen Geſellſchaft; aber dieſer Vorzug iſt faſt ein Fehler. Wem behagt es denn, aus einem zarten Körper eine grobe Stimme zu hören? Wer findet Geſchmack daran, wenn uns ein junges Mädchen von Politik redet wie ein alter Advokat, von den Preiſen der Baumwolle und des geſalzenen Schweinefleiſches?
Uebrigens ſind ihre Kenntniſſe ſtets ſehr oberflächlich. In Amerika
lernt man nicht eigentlich, um zu lernen; man erwirbt ſich in aller Eile einen Haufen von Kenntniſſen, die man wie Modeartikel ein⸗ kauft, dann ſtürzt man ſich ins Leben und verkauſt ſie wieder ſo gut wie möglich.
Die Männer ſind darauf angewieſen, ihr Glück zu machen; die Töchter ringen nach einen Mann, und gewöhulich heirathet man ſie nur aus Inclination. Der Bräutigam fragt nicht nach der Mitgift, nicht nach der Erbſchaft. Der Vater, wenn er reich iſt, macht ſeiner Tochter zuweilen ein Geſchenk, das ein ganzes Vermögen bedeutet, nichts aber zwingt ihn hierzu, und zwiſchen ihm und ſeinem Schwieger⸗ ſohn iſt nie davon die Rede. Der Mann verheirathet ſich, ſobald er ein hinreichendes Vermögen erworben, um eine Familie ernähren zu können. Wie die Frauen erzogen ſind und ſich in der Ehe ausbilden, ſind ſie vortreffliche Rechenmeiſter und praktiſche Weiber, aber der Zauber der Weiblichkeit geht dabei verloren und Niemand auch ver⸗ mißt ihn an ihnen.
** Seltſame Tonriſten.
Im Jardin des plantes zu Paris paſſirte vor einigen Tagen folgende originelle Scene, als derſelbe gerade ſehr ſtark beſucht war.
Zwei junge Männer, nach der neueſten Mode gekleidet, rannten aus Leibeskräften daher, auf dreißig Schritte verfolgt von zwei anderen, älteren Herren, die ebenfalls ſehr elegante Kleidung trugen. Alles blieb ſtehen und folgte erſtaunt dieſem Wettlauf.
Die Einen meinten, es gelte eine Wette, die Andern glaubten an einen ſchlechten Scherz. Da plötzlich ſtrauchelte einer der Fliehenden, indem er um die Ecke biegen wollte, und zog ſeinen Gefährten im Fallen mit ſich. Kaum eine Secunde darauf wurden ſie von ihren Verfolgern erreicht, die ſie kräftig bei der Bruſt packten und ſie feſt⸗ hielten, ohne daß ein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt wurde.
Das Erſtaunen der Zuſchauer wuchs, als die beiden älteren Herren Handſchellen aus ihren Taſchen hervorholten und ſie ihren angenen anlegten, dann mit einem gebieteriſchen Zeichen der Menge Platz. chen geboten und Beide, Jeder ſeinen Gefangenen führend, davon ſchritr.,
Der Haufe, aun. ich gereizt durch dieſe ſeltſame Art und Weiſe, fremde Leute zu verhaftt⸗ lgte den Vieren, die endlich bei der Auſterlitz⸗Brücke in einen Poltzei⸗Poſten traten. Hier ſollte ſich die Sache aufklären.
Die beiden jungen Leute waren engliſche Pick pockets, Taſchen⸗ diebe, die älteren Herren engliſche Polizei⸗Agenten, Helche der Legion der durch die Induſtrie⸗Ausſtellung angekockten Londoner Diebe hier⸗ her gefolgt waren. Beide Agenten hatten ſich in die Menge gemiſcht, welche an der Brücke die Ankunft der Dampfſchiffe. erwarteten, in der Ueberzeugung, hier einige ihrer induſtriellen Landsleute zu treffen, die in ſolchem Gedränge zu arbeiten pflegen.
528„—
Wirklich bemerkten ſie zwei junge Leute, die ſich auffallend an eine elegante Dame drängten, und gleich darauf ſahen ſie, wie der Eine von ihnen aus der Taſche der Dame ein Portemonnaie hervor⸗ holte, das neben einigen werthvollen Ringen mehrere Bankbillets ent⸗ hielt. Als der Diebſtahl gelungen war, entfernten ſie ſich, ohne daß die Dame etwas davon bemerkt.
Die Agenten folgten ihnen. Einer der Diebe wandte ſich inſtinct⸗ mäßig zurück und erkannte die Agenten. Beide ergriffen ſofort die Flucht nach dem Jardin des plantes, wo ſie, wie wir ſahen, ge packt wurden.„
Eine ähnliche Geſchichte paſſirte in der Expoſition ſelbſt. Dieſe engliſchen Diebe erſcheinen faſt ſämmtlich als Gentlemen; ſelbſt wenn man ihre Hand in der Taſche ihrer Nachbarn ſieht, glaubt man noch an einen Irrthum, mit ſolcher Nobleſſe treten ſie auf.
Einer der Gäſte der Ausſtellung bemerkt nun einen blonden jungen Mann vom feinſten Anſtand, mit nobler Miene hd eleganten Bewegungen, wie er ſich fortwährend an die Zuſchauer den Glas⸗ käſten herandrängt und ſich etwas bei dieſen zu ſchaffen macht. Er wird dadurch aufmerkſam, faßt Verdacht, kann aber den jungen Fremden auf keiner That ertappen. Er achtet endlich nicht mehr auf ihn und beſieht ſich ſelbſt die Ausſtellungsgegenſtände.
Da plötzlich drängt ſich auch an ihn Jemand, und zugleich fühlt er eine Hand an ſeinen Rock tappen. Er dreht ſich um und erkennt ſeinen eleganten Touriſten.
„Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr!“ ſagt er, mit dem Finger drohend.„Ich ſehe was Sie ſind und warne Sie vor dem, was Ihnen begegnen könnte.“
Der Blondin greift mit einer anmuthigen Bewegung an den Hut und lüftet ihn höflich, dann ergreift er die Hand des Warners und ſagt:
„Ich danke Ihnen, mein Herr! Ich ſehe, Sie ſind ein wirklicher Gentleman!“
Damit verſchwindet er in der Menge.
** Wie man Romane macht.
Alexander Dumas und Auguſt Maquet arbeiteten zuſammen an dem bekannten großen Roman„Monte⸗Chriſto“. Sie waren eben bis an die Stelle gelangt, wo Dantes, um ſich aus dem Gefängniß zu befreien, in dem Sack, in welchem die Todten begraben werden, ben Platz Faria's einnimmt, um ſich ſtatt ſeiner ins Meer werfen zu aſſen.
Magquet machte Einwendungen; er behauptete, das werde als eine handgreifliche Unwahrſcheinlichkeit betrachtet werden. Die Träger des Sackes müßten nothwendig auf dem Wege von der Zelle zum Meere entdecken, daß ſie einen lebenden anſtatt einen todten Körper im Sacke trügen. Und dann: wie ſoll man es für möglich halten, daß Dantes, einmal ins Meer geworfen, im Stande ſei, den Sack zu zerreißen und ſich zu retten?
„Aber mein Gott“, rief Dumas ungeduldig,„das iſt alles ganz richtig, aber darum handelt es ſich auch gar nicht. Die Hauptſache iſt, daß der Leſer wünſchen muß, dieſes Manöver gelinge. Haben wir ihm einmal das Verlangen eingeflößt, daß Dantes befreit werde, ſo iſt der Leſer mit uns im Complot und wird uns der Unwahr⸗ ſcheinlichkeit wegen keinen Prozeß machen.“
** Die Pariſer Trinkgelder.
Den Weltausſtellungs⸗Reiſenden werden die in Paris üblichen Trinkgelder viel Aerger bereiten. Wir entſchädigen ſie dafür durch eine Anekdote.
Im Jahre 1848, als an allen Mauern in Paris„Liberté, Pgalité“ geſchrieben ſtand, trat ein Gaſt in ein Kaffeehaus.
„Gargon, eine Taſſe Kaffee!“
„Es gibt keine Gargons mehr! Wir ſind Bürger!“ antwortete der junge Kellner mit weißer Kravatte und friſirtem Haar.
„Gut, Bürger, ſo geben Sie mir eine Taſſe Kaffe.“
Der Kaffee kommt, der Gaſt bezahlt, legt aber kein Trinkgeld hinzu.
„Nichts für den Garcon?“ fragt der Friſirte.
„Es gibt keine Gargon mehr!“ antworket der Gaſt.„Ich wer doch einen Bürger nicht verletzen, indem ich ihm zwei Sous Trink⸗ geld anbiete?“
—„ 6— 1
Kleine Voſt der Redaciion. Herrn P. in Paris. Sendung mit beſtem Dank erhalten. Herrn H. M. in Berlin. Wir veröffentlichen die eingegangenen Beiträge, ſobald Sammlung geſchloſſen iſt.. 2 Herrn Lehrer H. in R. bei Crossen. Sie irren, nicht im Hausfreund ſtand jene Kritit über Freiligrath, die wir Ihnen ſenden, ſobald wir im Beſitz des betreffenden Journals ſind. Vorwurf der Inconſequenz trifft alſo nicht zu.
di
—
Der Hansfreund erſcheint in Bänden von je 16 Heften à 6 großen Bogen mit ſchönen Original⸗Illuſtrationen, mit einem
mit humoriſtiſchen Bildern illuſtrirten Umſchlag elegant geheftet.
Preis pro Heft 5 Sgr.
Verlag der Hausfreund⸗Expedition(Lemke und Comp.) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21.
Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brockhaus in Leipzig.
⁊
n
— c


