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Berliner Photographien.
XIV. Die Börſe.— Die jeunesse dorée und die öffentlichen und geheimen Commerzienräthe.— Die Reſſource und die Abendbörſe.
Sie ſpeculiren und hazardiren Alle, vom Miniſter, der den Wind und das Wetter macht, bis zum Hotelkellner, der uns mit zitternder Hand die Sauce über den Nacken gießt, wenn die Courſe gefallen.
Es gibt Menſchen in Berlin, die ſeit langen Jahren nicht wiſſen, wie am Mittage zwiſchen 12 und 2 Uhr die Straßen der Stadt ausſehen, weil ſie dieſe Stunden unfehl— bar in der Börſe zubringen; und nur ſolchen, denen Du um dieſe Zeit niemals auf der Promenade begegneſt, kannſt Du, wenn Du im Beſitz eines ſolchen biſt, ein wichtiges politiſches Geheimniß anvertrauen, ohne daß ſie ſich in eine Droſchke werfen und zu ihrem Bankier oder zur Börſe fahren. Ja, Du kannſt nicht einmal mit Seelenruhe zu ihnen über das Wetter ſprechen, weil ſie Roggen oder Weizen zu liefern oder abzunehmen haben und die Ernte bekanntlich nicht vom Kalen⸗ der abhängt.
Es ſind das ruheloſe Menſchen, die ſich aber trotzdem ſehr wohl befinden. Sie ſind im Stande, ohne daß ihnen ein Gleichniß einfällt, einen Gymnaſtiker auf dem höchſten und ge— fährlichſten Trapez in der Luft ſchweben zu ſehen, obgleich ſie ſelbſt zu jeder Stunde in gleicher Schwebe, über gleichem Ab⸗ grund hangen. Sie fangen in kritiſchen Zeiten die wichtigſten und bedenklichſten telegrapiſchen Depeſchen auf wie der Jong⸗ leur die Meſſerſpitzen. Sie hangen mit Napoleon, mit dem nordamerikaniſchen Präſidenten an einem Lebensfaden, inter⸗ eſſiren ſich für den Großtürken, hören die Diplomaten auf Socken gehen und das Gras der nächſten Winterſaat wachſen.
Trotzdem ſiehſt Du ſie Abends mit der Ruhe eines Bernhardiner Krebſes auf ihrem Parketplatze im Opernhauſe ſitzen und mit Gönnerſchaft das Ballet protegiren, deſſen Geſchmeide ihnen wohl ein erinnerungsſüßes Lächeln auf das Geſicht lockt.
Obgleich ſie alle Courſe aller denkbaren Staats⸗ und Eiſenbahnpapiere im Kopf haben, behalten ſie das Repertoire der ganzen Woche im Gedächtniß, machen Meinung in den Theatern, beſuchen die Künſtlerinnen, laden ſie zu Diners und Soupers, verſteht ſich à part, und ruiniren den Ruf einer ſolchen mit derſelben Gemüthsruhe, mit welcher ſie ihren beſten Freund an der Börſe aufs Glatteis führen und ihm den Hals brechen.
So lange ſie nur dreißig Jahre zählen, nennen ſie ſich jeunesse dorée; ſind ſie darüber, ſo heirathen ſie jüdiſche Bankierstöchter und laden Gelehrte, Künſtler und andere Wunder Elefanten zu ihren Diners. Sind ſie über funfzig, ſo werden ſie geheime Commerzienräthe, bekommen Orden, haben für den Sommer Villen im Thiergarten, laſſen im Winter die junge Welt öffentlich in ihren Salons tanzen, laden wohl die Unerfahrenſten des Corps de Ballet zu kleinen, geheimen und unſchuldigen Bacchanalien und ſterben mit dem Courszettel in der Hand.
Ohne Unterſchied des Alters kennen ſie alle Skandäler der Stadt; ſie haben die feinſten und zuverläſſigſten Nachrichten von aller Welt Enden, bezahlen Tauſende alljährlich für Telegramme und wiſſen ganz genau, was geſtern Abend in dem Cabinet einer ſchönen Frau und was in dem des Baron Beuſt paſſirt iſt.
Die meiſten von ihnen erlernen das Speculiren, wie man das Schwimmen erlernt; erſt ein paar Bewegungen an der Leine, dann einige gewagte Züge im Freien, die gelingen,
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und der Börſen⸗Speculant iſt fertig. Von da ab iſt die Balance die Hauptſache; gewandte Deckung parirt allzu großen Schaden. Ein feiner Kopf lernt alle Finten und gute Witterung ſichert einen guten„Ultimo“.
Einen eigenthümlichen Contraſt mit dem ganzen Wett⸗ Syſteme der Börſe und dem Hazard, das ſonſt kein Kennzeichen allzu engen Gewiſſens iſt, bildet das gegenſeitige Vertrauen, die Geſchäftsehre. Es gibt allerdings Freigeiſter, die niemals ihre Differenzen bezahlen und auch ohne dieſe an der Börſe exiſtiren; aber welches Recht vermöchte am grünen Spieltiſch die Ehre jedes Einzelnen anzuklagen oder freizuſprechen.
Es gibt auch Männer an der Börſe, welche bekannte Firmen repräſentiren und von denen die Welt ſowol wie ihre Collegen ſprechen wie vom baieriſchen Hieſel; aber an der Börſe werden ſie ſtets ihre geſchäftliche Ehre aufrecht zu erhalten bemüht ſein. Nur in den Wäldern der Abruzzen kommt es vor, daß ein Räubern den andern öffentlich beſtiehlt. Jeder Eingeweihte hält ſich vor ihnen die Taſchen zu; die Kreuzſpinne iſt aber klug genug, ihr Netz nur nach außen zu ſpinnen, von wo ſie Beute erwarten kann.
Aber auch ſie ſind Ehrenmänner. Obwol es vorkommt, daß ganze Familien, die ihnen vertrauensvoll ihr Vermögen zur Verwaltung übergeben, daſſelbe ſich nach allen Regeln der Börſenkunſt in ihren Händen verkrümeln ſehen, ſo geſchieht es doch in dieſer an Ungewöhnlichem ſo reichen Welt, daß ſie mit Titeln belohnt und mit Orden ausgezeichnet werden. Miniſter und Generäle beſuchen ihre Bälle und le pavillon couvre la marchandise.
Ich will mich mit meinen guten Freunden nicht erzürnen und keineswegs behaupten, daß es nicht auch viel höchſt ehren⸗ werthe Männer an der Börſe gebe; aber ſuchen würde ich ſie doch dort gerade nicht; denn in Geldangelegenheiten hat das Vertrauen ſehr oft das Unglück, an eine falſche Adreſſe zu gerathen.
Daß es bei einem täglichen Kampf, wie er an der Börſe ſtattfindet, auch an Leichen nicht fehlt, iſt erklärlich; im Allge— meinen aber nimmt man an, daß ſich hier ſeltener ein Unglück⸗ licher eine Kugel vor den Kopf ſchießt als in Homburg und Baden⸗Baden.
Da die Börſe den einen ausnahmsweiſen Grundſatz hat, die chriſtlichen Sonn- und Feſttage zu feiern, ſo behilft ſie ſich an jedem ſiebenten Tage mit der Reſſource in der Burg⸗ ſtraße. Die Abendbörſe verſperrt gern unter den Linden den Spaziergängern die Promenade. Freunde brauchen ſich vor einzelnen confiscirten Geſichtern derſelben jedoch nicht zu fürchten, da an der Kranzler'ſchen Ecke immer ein Schutzmann zu ſtehen pflegt.
Uebrigens hat man auch hier an dieſer Straßen⸗Börſe juſt ſo ſenſible Nerven für ungewöhnliche Ereigniſſe von poli⸗ tiſcher Bedeutung, wie in der Börſe ſelbſt. Als eben das Attentat auf den Grafen Bismarck ganz in der Nähe dieſer Abendbörſe geſchehen war und dieſelbe ſich vor der Kranzler'ſchen Rampe in ſieberhafter Erregung befand, trat ein Spaßvogel in die Conditorei, kaufte einige Knallbonbons, trat dann unter die Jobber und ließ ſeine Bonbons in ihrem Knäuel explodiren. Wie wenn ein paar Orſiniſche Handgrannten unter ſie ge— fallen ſeien, ſtob die ganze Börſe aus einander.
8 Hans Wachenhuſen.
Feuilleton.
Der Limburger Dom.
Die Perle unter den annexirten Ländern Preußens iſt das ſchöne Naſſau mit ſeinen blühenden Städten und Dörfern, ſeiner herrlichen
Natur und den weinreichen Bergen. Auch das alte Limburg an der Lahn iſt mit dem naſſauiſchen Land preußiſch geworden, berühmt
durch ſeinen maleriſch auf einem Felsvorſprung ſich erhebenden Stifts⸗
dom, der zu den ſchönſten architektoniſchen Denkmälern des 13. Jahr⸗
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