Zeitschriftenband 
1 (1867)
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474 Der Wein.

Bräutigam, wenn ſie bei Tafel der Angebetenen Nachbar geworden, pflegten ſich ihres Schuhes zu bemächtigen; voll Wein wurde der Schuh gegoſſen und auf ihr Wohl geleert.

Die Wirkungen des Weins auf des Menſchen Gemüth, Geiſt und Herz ſind je nach Temperament und Individualität ſehr verſchieden.

Die Dichter aller Völker haben von jeher das Lob des Weines beſun⸗ gen, insbeſondere aber unſere Dichter und Dichterlinge, denn wir beſitzen an 2000 derartige Gedichte und Weinlieder. In wie viel hundert Studenten⸗ liedern wird das Thema über den Wein nicht variirt, welchem alten Stu⸗ denten hebt ſich nicht die Bruſt, wenn er zufällig eines jener beliebten Wein⸗ lieder ſingen hört, welche er ſelbſt vor dreißig oder vierzig Jahren in voller Lebenskraft und Uebermuth ſo oft geſungen hat! Wir erinnern hier nur an Claudius' RheinweinliedBekränzt mit Laub. Es erſchien zuerſt im Altonaer Merkur vom Jahr 1775; die noch jetzt übliche Volksmelodie wurde bereits im Jahr 1776 von Johann André in Offenbach componirt. Von dieſem Liede kann man mit mehr Recht als von der Tricolore ſagen, daß es die Reiſe um die Welt gemacht hat, denn, in welchem Welttheile auch Deutſche bei einem fröhlichen Feſte verſammelt ſind, dieſes Lied fehlt nie, und ſtets erfüllt es die Sänger mit Wehmuth und tiefer Sehnſucht nach ihrem herr⸗ lichen Vaterlande. Das größte Loblied hat aber wohl Haller im Jahr 1734 dem Wein geſungen, indem es auf 18 Seiten 340 Verſe enthält.

Man baut jetzt in faſt allen zwiſchen dem 30. und 50. Grade n. Br. gelegenen Ländern den Weinſtock. Frankreich hat den bedeutendſten Wein⸗ bau, indem es jährlich 50 bis 70 Millionen Eimer erntet. Ihm zunächſt ſteht Ungarn mit jährlich 30 bis 40 Millionen Eimern; es ſind dort 150 Quadratmeilen mit Weinreben bepflanzt und wird hier der berühmte To⸗ kayer gezogen. In Deutſchland ſteht der Qualität der Weine nach Naſſau oben an. Es werden dort in einem guten Jahre auf circa 11,500 Morgen 9000 Stück Wein gezogen, worunter die beſten Rheinweine ſind, der Rüdes⸗ heimer, Asmannshäuſer, Markobrunner, Steinberger, Rauenthaler, Lorcher und Johannisberger. Das Großherzogthum Heſſen hat 39,000 Morgen Weinberge und zieht vorzügliche Weine; ebenſo Rheinbayern, wo die be⸗ kannten Pfälzerweine gezogen werden. Preußen beſitzt durch die Rhein⸗ provinz den bedeutendſten Weinbau. Auf 61,496 Morgen Weinbergen wer⸗ den durchſchnittlich 5 600,000 Eimer gezogen. Nach den Flußgebieten kommen hiervon auf die Moſel 259,000, auf den Rhein 123,928, auf die