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Vierte Holge.
geſprochen. Sein Geſicht wurde ebenfalls ganz ſcharlach⸗ roth.
„Ich... ich bitte Sie um Vergebung, Madame,“ be⸗ gann er.„Ich erwartete ein kleines Mädchen zu finden.. ich würde für Welten nicht ſolcher Ausdrücke mich bedient haben— ich—“
„Ich begreife es,“ ſagte die junge Dame;„ſeien Sie deshalb ganz unbeſorgt.“
„Iſt das Ihr Koffer, Madame?“ fragte der Hageſtolz in ſeiner Beſtürzung.
„Ja, mein Herr!“ entgegnete die Dame, indem ſie niederblickte.
Wenige Augenblicke ſpäter fuhren Beide nach dem Land⸗ hauſe der Hinkles. Nie hatte der Hageſtolz Brown einer jungen Dame ſo nahe geſeſſen, ausgenommen ſeinen Couſinen. Er war ſchrecklich verwirrt, aber doch machte es ihm Ver⸗ gnügen. Wie hübſch ſie iſt! dachte er. Wie roſenroth und weiß! Was für ein goldnes Haar ſie hat! Wie die blauen Bänder ihres Hutes es hervorheben! Dann fing er an ſich verwundert zu fragen, was ſie wohl von ihm denken möge. Darüber vergaß er, auf ſeinen Weg zu merken und plötzlich bemerkte er, daß er ſich verirrt habe. Um die ſchwierige Lage, worin er ſich befand, noch zu vergrößern, brach in dem⸗ ſelben Augenblick das Gewitter aus, welches ſeit Stunden gedroht hatte, während unſer Hageſtolz nicht wußte, ob er die Straße nach Rechts oder nach Links einſchlagen ſollte. Das Pferd fürchtete ſich vor den Blitzen und wurde ſtöckiſch. Auch Miß Amanda Dove wurde durch die Blitze erſchreckt; ſie erhob einen leichten Schrei und hing ſich an Browus Rockärmel.
Der Hageſtolz blickte nieder. Es war eine ſo weiche, fleiſchige Hand. Ihre Augen waren ſo rund und blau in ihrem Schrecken, daß er ganz vergaß, eine junge Dame vor ſich zu haben.
„Ich werde Sorge für Sie tragen,) ſagte er; ein ſtarker Blitz, ein Donnerſchlag, ein Verſuch des Pferdes, durchzu⸗ gehen, unterbrachen ihn.
Miß Dove wurde ganz blaß. Der Hageſtolz Brown ſah ganz erſchrocken aus. Er warf einen Blick um ſich her. In der Nähe der Straße erblickte er ein Pfarrhaus, das ver⸗ mittelſt eines Gartens mit der Kirche verbunden war.
„Ich will Ihnen ſagen, was wir thun wollen,“ ſagte er. „Wir wollen den Geiſtlichen um Schutz bitten, bis das Ge⸗ witter vorüber iſt. Ein Pfarrer wird chriſtlich genug denken, um uns aufzunehmen.“
Dann fuhr er nach dem Thorwege und half Miß Dove aus dem Wagen zu ſteigen. Als er das that, eilten zwei Dienſtboten herbei, um das Pferd und den Wagen in Em⸗ pfang zu nehmen, und eine alte Dame und ein Herr erſchienen an der Hausthür.
„Ich bin froh, daß Sie ſo zeitig gekommen ſind, ehe das Gewitter ganz zum Ausbruch gekommen iſt,“ ſagte der alte Herr.
„Kommen Sie herein!“ ſagte die Dame.„Wir er⸗ warteten Sie— denn bei einer ſolchen Gelegenheit iſt man, wie ich glaube, immer pünctlich und man fragt nicht, ob es Regen oder Sonnenſchein iſt.“
„Um des Himmels willen, was mag ſie meinen?“ dachte der Hageſtolz Brown.„Aber es iſt von ihnen ſehr gütig;“ und während die alte Dame Miß Dove in ein anderes Zim⸗ mer führte, um dort trockene Kleider anzulegen, ſetzte er ſich mit dem alten Herrn im Beſuchzimmer nieder.
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„Fühlen Sie ſich nervös aufgeregt, mein Herr?“ ſagte der alte Herr nach einer Pauſe.
„Nein, mein Herr, ich danke Ihnen,“ ſagte der Hage⸗ ſtolz Brown.
„Bei den meiſten Perſonen iſt das der Fall,“ ſagte der Geiſtliche.
„Ja, ein Gewitter regt die Nerven auf,“ entgegnete der Hageſtolz Brown.
„Ich ſpielte nicht auf das Gewitter an.“
„In der That, mein Herr?“
„Sondern auf die bevorſtehende Ceremonie.“
„Wie?“ fragte der Hageſtolz Brown.
„Sie wiſſen, daß Sie mir in Ihrem Briefe ſagten, Sie ſeien zu nervös, um ſich in einer Kirche vor der gangen Ge⸗ meinde trauen zu laſſen und daher zögen Sie eine ſtille Trau⸗ ung in meiner Wohnung vor.“
Der Hageſtolz Browu blickte ihn voller Verwunderung an, denn jetzt ging ihm ein Licht auf.
„ ‚Sie erwarteten ein junges Paar?“ fragte er.
„O Sie ſind noch jung genug, um ſich zu verheirathen,“ antwortete der Geiſtliche ganz in ſeiner Unſchuld.„Und ich muß geſkehen, die junge Dame ſcheint mir ſehr liebenswürdig zu ſein.“
Unſer Hageſtolz fühlte, daß er bei dieſen Worten er⸗ röthete.
„Glauben Sie, daß ſie eine gute Frau ſein wird?“ fragte er.*
„Unbedingt,“ erwiderte der Geiſtliche.
„Und Sie glauben, daß ein Mann ſich glücklicher fühlt, wenn er.. wenn er in den Eheſtand tritt?“ forſchte er weiter.
„Kein Mann kann glücklich ſein, ohne das zu thun und es iſt die Pflicht jedes Mannes,“ entgegnete der alte Herr, der jedes Wort glaubte, das er ſagte.
„Sie iſt ein ſehr liebes Mädchen,“ ſagte Herr Brown in ſeinem Innern.„Es hat mir nie eine junge Dame ſo ge⸗ fallen. Es iſt nur eine ſo ſchwere Aufgabe, ſich zu erklären. Ich möchte wohl wiſſen, ob...“
Und gerade in dieſem Augenblick trat Miß Dove ohne ihren Hut in's Zimmer und blickte gleich einem Engel nach dem Herrn Brown, der ſie bei Seite führte und zu ihr ſagte:
„Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen, Miß Dove!“
„O Himmel!“ ſagte Miß Dove.
„Sie haben einen Irrthum begangen,“ ſagte der Hage⸗ ſtolz Brown.„Sie glauben, wir... wir ſeien Leute... ſie erwarten ein junges Paar, Sie wiſſen, das im Begriff ſteht....“
„O Himmel, thun ſie das?“ wisperte Miß Dove.
„Ja,“ ſagte der Hageſtolz Brown.„Und es würde ſehr plump ſein, es zu erklären. Und Sie gefallen mir ſo ſehr. Könnten Sie mich nicht auch lieb haben und ihn thun laſſen? Nun?“
„Thun laſſen, was, Herr Brown?“ ſagte Amanda. „Uns trauen laſſen,“ antwortete Herr Brown.
„Ganz natürlich nicht,“ antwortete Miß Dove.„Was würden die Hinkles ſagen?“
„Sie würden ſich darüber freuen,“ entgegnete Richard, der kühner wurde und ſeinen Arm um ſie ſchlang, und fort⸗ fuhr:
5„Ich weiß von ſolchen Sachen nicht viel, aber Sie ſind das hübſcheſte Mädchen, das ich je ſah. Bitte, willigen Sie ein. Ich bin kein böſer Mann. Ich will recht gut gegen Sie ſein.“


