„Hm,“ macht Jener,„ja, ja“—
„Und wenn ich fragen darf“— Goethe zerriß einen Bogen Papier und wand die einzelnen Streifchen um ſeine Finger.
Der Herzog hob den Kopf: teufelte Laune!“
„Kannſt Du mir's verdenken?“
„Ganz und gar nicht, lieber Wolfgang. Die Geſchichte iſt dumm, aber nicht ſo ſchlimm, als Du vielleicht glaubſt. Fritz war bei dem Taugenichts. Der Schuß iſt durch die Schulter gegangen, Gefahr iſt nicht vorhanden.“
„Das vernehme ich mit großem Vergnücen. Allein Becker's Vergehen bleibt durchaus—
„Das Gericht ſoll ihm vom Halſe bleiben,“ fiel der Fürſt raſch ein.
Das ſteht bei Dir,“ entgegnete der Dichter, „auch habe ich ihn und die Frau ſogleich auf Deine Gnade vertröſtet.“
„Recht von Dir.“
Nun ward es ſtill. Karl Auguſt betrachtete ſeine Rockknöpfe, Goethe wand die Papierſtreifchen immer von Neuem um ſeine Finger.
Es war wie vor dem Ausbruch eines Gewitters. „Hm, ja, ja,“ machte Jener wieder.
„Du meinſt?“
„Nichts.“
„Ah ſo.“
In der Ferne grollte der Donner.
„Was ich ſagen wollte“— Der Herzog ſchritt auf und nieder.„Höre Du, eigentlich hat Becker ein gutes Werk vollbracht.“.
„Möglich.“ Auch Goethe hatte den Sitz verlaſſen.
„Nein, nein, ganz gewiß. Nun hat der Galgen⸗ ſtrick Zeit, über ſeine Schlechtigkeit nachzudenken.“
„Allerdings, aber Becker's Vergehen bleibt daſſelbe.
„Das weiß ich doch nicht!“ Der Fürſt verſtärkte die Stimme.„Wie kannſt Du das nur ſagen! Au contraire, Wolfgang. Die Blumenthals müſſen ſich bei Becker bedanken— ich habe der Frau gleich ge⸗ ſagt, daß der Stubenarreſt natürlich—
„Aufrecht erhalten wird.“ Das ſprach der Dichter in einem faſt befehlenden Tone.„Dir brauche ich doch nicht zu wiederholen, daß ich der Andern, der Ordnung willen um keinen Preis davon abſehen darf, ſo innig leid es mir auch thut.— Uebrigens wundert es mich nicht wenig,“ fügte er mit ſcharfer Betonung hinzu,„daß Du Dich in dieſem Falle, dafür und dawider ich, ich allein eine Entſcheidung zu treffen habe, zum Beſchützer aufwirfſt— ich denke, Du ſollteſt mich doch genugſam kennen, ich—
Der erſte Blitz zuckte.
„Du haſt eine ver⸗
Novellen⸗
Jeitung.
„Ob ich Dich kenne!“ rief der Herzog. Daß er ſiel nichts ausrichten würde, hatte er ja im Voraus ge⸗ zu wußt; dennoch ärgerte es ihn, mit einem Achſelzucken keit zu den Frauen zurückkehren zu müſſen.„Was Du von durchſetzen willſt, ſetzeſt Du auch durch, gleichviel, mei ob's unrecht iſt oder nicht!“ ſij
Aus Goethe's Munde fuhr da der zweite Blitz: Noh „Unrecht?!“— Durchlaucht ſcheinen nicht zu be⸗ ſed denken— um Vergebung— ich—“ ub
„Und wie ſtehe ich vor Euphroſyne da, ich, der 8. ihr ja bereits mitgetheilt, daß ihrem Manne jede 9 Strafe erlaſſen ſei? Blamirt bin ich!“ Es kam ihm hane auf dieſe kleine Nothlüge nicht an; er konnte den und Gedanken nicht ertragen, vor ſeinem Untergebenen die ich b Segel ſtreichen zu müſſen; im Herzen dachte er ja ſcel ganz anders über den Stubenarreſt. daß
„Das bedaure ich unendlich,“ erwiderte Jener, 3 ſich kalt verneigend..
Wieder ward's ſtill. dhe
„Larifari!“ rief dann plötzlich der Fürſt.„Du widerrufſt und damit baſta! Nur kein:«Und ſie be⸗ alle wegt ſich doch!« hinterdrein.— Morgen ſpeiſen wir 4 Ge zuſammen. Gute Nacht, Wolfgang.— Vorhin fſind ſün neue Bücher angekommen; wir ſehen ſie nach der 1 Vl Tafel durch.— Gute Nacht!“ Das hieß freilich, die Ein Entſcheidung vom Zaune brechen; einen andern Aus⸗ ſ weg fand er nicht. 6h
Das Blut wogte in Goethe's Adern. Er riß on eine Feder vom Tiſch und zerſtampfte ſie. Er fuhr e h ſich mit beiden Händen durch das Haar. Er rang höch uach Worten und gewann endlich die Faſſung, dem of Herzog, der bereits an der Thür ſtand, zurufen zu dud können:„Durchlaucht, ich bitte um meine Ent⸗ ter laſſung!“. I
„Goethe!“ Mehr vermochte Karl Auguſt nicht Ii über die Lippen zu bringen. Dann preßte er die Zähne zuſammen und ballte die Hände in den Rock⸗ taſchen, und dann ſchritt er mit einem:„Hab's ja AA im Voraus gewußt!“ über die Schwelle. Donnernd bc flog die Thür ins Schloß. 8
Ganz langſam kehrte er zu den Frauen zurück.
Dieſe brauchten ihn nur anzublicken, da wußten li ſie das Reſultat ſeiner Bemühungen. An
Doch Neldchen vermochte ein„Nun? Nun?“ d nicht zu unterdrücken.„
Mit der Rechten wehrend und ſeinen Gemaͤchern 2 zuſchreitend, verſetzte er:„Wie anno 83!°
Da ſchlug Chriſtel die Hände vor dis Augen.
Ihr Goethe war er nicht mehr. 4 „Becker brummt,“ lachte Genaſt.„ Stand er denn wirklich an dem Pranger? Es


