Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Solge.

genommen. Hin, hin auf Flügeln der Hoffnung! Ob er in Halle oder Lauchſtedt lebe, einerlei, denn ſo dumm, ſich auf die Wiſſenſchaft zu werfen, ſei er doch noch lange nicht; dergleichen zieme ſich ja nur für arme Teufel und Hungerleider. Und in Lauchſtedt? Außer Herrn und Madame Becker, die er natürlich nicht kannte, und dem Gänschen Thekla von Dillburg⸗Dillen⸗ berg, von derenpauvreté und neunundneunzig Ahnen ſein Vater zuweilen geſprochen, lauter wildfremde, halbkranke und durch und durch langweilige Menſchen; und ſchon faßte er den verzweifelten Entſchluß, wieder nach Halle zurückzukehren, als er plötzlich Hedwig Wilberg fand. Oder fand ſie ihn? Einerlei. Genug, an Stelle der mopsmäßigen Langeweile trat nun Unter⸗ haltung, koſtbare Unterhaltung! Hedwig, welche die Direction, nachdem Demoiſelle Rudorf dem Major die Hand gereicht, von Leipzig hatte kommen laſſen, erhielt eine Gage, die nach ihrer Anſicht kaum zur Beſtreitung der Garderobe genügte.Immer luſtig, ſo hatte ſie's in Leipzig gehalten, undimmer luſtig mochte ſie auch im neuen Wirkrungskreiſe nicht ent⸗ behren. Warum ſie nicht in Pleiß⸗Athen geblieben? Sie war, um einen modernen Kunſtausdruck zu ge⸗ brauchen,abgegangen worden und hatte froh ſein müſſen, ſofort wieder in Weimar feſten Fuß faſſen zu können. Leipzig und Weimar! Allerdings für ein immer luſtiges Mädchen ein Fall aus dem Himmel in die ödeſte Gegend. Schier verzweifeln hatte ſie in Ilm⸗Athen gewollt und nur die Hoffnung hatte ſie getröſtet, daß ſich in Lauchſtedt Einer finden werde, der mit hübſchen Kleidern, glänzendem Schmuck und ſüßem Wein nicht kargte. Doch hier ſo viele Kranke und ſo wenig Geſunde, und diefe hatten zu allem Ueberfluß noch ihre Frauen am Arm. Aber da da plötzlich war Hans auf dem Schauplatz erſchienen und auch er liebteimmer luſtig und mit hübſchen Kleidern, glänzendem Schmuck und ſüßem Weine kargte er nicht. Aber bei ſokleinlichen Anſichten ringsum her war größte Vorſicht nöthig, um nicht einmal Hals über Kopf das Engagement verlaſſen zu müſſen. Darum hatte ſie denn auch die entlegene Wohnung gewählt, die ſie an Hans' Seite höchſtens bei ſchlechtem Wetter verließ, und darum auch erklärte ſie ſich einverſtanden mit der Aufmerkſamkeit, die ihr Galan zuweilen der kleinen von Dillburg⸗Dillenberg ſchenkte, weil ſo am ſicherſten jeder Schein vermieden würde. Hans, der ja von dieſer Selbſtſucht keine Ahnung haben konnte, ſchwelgte im ſiebenten Himmel. Alles Vergangene: Demoiſelle Rudorf, Cornelia und deren Tod Alles war vergeſſen, und wenn er vor dem Spiegel ſtand und ſich davor nach rechts und links drehte, pflegte er ſich zuzurufen:Jetzt biſt du erſt ein ganzer, ein

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prächtiger Kerl! An Hedwig's Seite dachte er auch wohl:Sie möchte Dich heirathen. Proſit die Mahl⸗ zeit! Du biſt klüger geworden!...

Noch immer ſaßen die Beiden im Paradieſe, und der Regen klatſchte und der Wind pfiff, und Hedwig ließ ſich's noch dreimal ſagen, daß ſie ein Kleid mit drei Reihen Spitzen bekommen werde. Und während die Milch auf dem Tiſche ſaurer und ſaure und der Himmel immer grämlicher ward, begab ſich etwas da unten in einem kleinen Hauſe und in der kleinſten Kammer, deren Fenſter ſorgſam verhüllt war. Hein⸗ rich Becker war zur Hinterthür hinaus und in das Gärtchen geſchlüpft, und da ſchritt er auf und nieder und riß hier Blätter vom Johannisbeerſtrauch und dort eine Blume vom Stengel und und warf gleich wieder Alles zu Boden, denn er wußte gar nicht, was er eigentlich that, ihm war's ſo ſonderbar zu Muthe, er wußte nicht, ſollte er lachen oder weinen, und d'rum that er beides. Das Fenſter der Wohnſtube ward geöffnet, Frau Neumann blickte heraus. Heinrich blieb ſtehen:

Nun, Mutter?

Noch nicht, lieber Sohn. Sie trat wieder vom Fenſter zurückz; er ſchritt von Neuem hin und her und

lachte und weinte wieder und riß abermals Blätter und

Blumen ab. Da erſchien die Frau zum zweiten Male am Fenſter.

Noch nicht, Mutter? Ich hielt's d'rinnen nicht aus, es beklemmte mich.

Bald, liéber Sohn. Und ſie verſchwand, und er ging wieder auf und nieder. Und zum dritten Male zeigte ſich ihr Geſicht, und da brauchte er nicht zu fragen und ſie nichts zu erwidern, denn ihre Augen ſagten Alles; und da ſtürzte er mit dem Schrei: Mädchen? Junge? in's Haus.

Ein Mädchen lag am Herzen der jungen Mutter. Jubelnd umarmte Heinrich Frau und Kind, die Schwiegermutter und ſogar die Acecoucheuſe, welche eben das Bad für die Kleine bereitete. Später kam Corona Schröter mit Glückwünſchen und Blumen, und als ſie vernahm, daß ſie den kleinen Schreier über die Taufe halten ſollte, da fingen die Umar⸗ mungen noch einmal an, denn Corona wußte in ihrer Freude wirklich nicht, was ſie that, ſelbſt dem Theater⸗ diener Beuther, der eben in der Wohnſtube ſichtbar ward, reichte ſie beide Hände hin. Beuther erſchien als Abgeſandter des Land⸗Kammerrath Kirms. Dieſem paßteſolcher Kram ganz und gar nicht, und wenn's nach ſeinem Kopfe gegangen wäre, hätte Chriſtel nie und nimmer an's Heirathen denken dürfen.

Das kommt davon, lamentirte Kirms,nun iſt unſere Liebhaberin Mutter geworden! Was wird da aus dem Repertoir, aus dem ganzen Theater?