5 erkundigen.
Eine ſolche benutzte Beckmann, um in ſeiner Vaterſtadt Breslau, welche ihn nur als Anfänger gekannt hatte, zu gaſtiren. Seine beiden Eltern lebten noch, und er beeilte ſich, gleich nach ſeiner Ankunft ſie zu beſuchen. Sein alter Vater war bezüglich der Standeswahl ſeines Sohnes durch die Berühmtheit, welche dieſer mittlerweile erlangt hatte, längſt verſöhnt, wollte ſich aber dennoch nicht bewegen laſſen, einer Gaſtvorſtellung beizuwohnen. Nach vielem Bitten ließ er ſich aber doch beſtimmen, eine Anweiſung auf einen Parterre⸗Sperrſitz anzunehmen. Das Haus war von dem eleganteſten Publicum in allen Räumen überfüllt, Beckmann wurde bei ſeinem Erſcheinen mit Jubel begrüßt, und erfuhr ſchon während des erſten Actes von einigen Freunden, die ihn auf der Bühne beſuchten, daß der„alte Herr“— ſein Vater nämlich— ſich wirklich auf einem Sitze im Parterre befinde. Nach der unter den rauſchendſten Beifallsbezei⸗ gungen und nach unzähligen Hervorrufungen des Gaſtes beendeten Vorſtellung fuhr Beckmann ſogleich zur Wohnung ſeines Vaters, um zu erfahren, welchen Eindruck ſowohl der erſte Beſuch eines Theaters, als auch das Spiel ſeines Sohnes auf den Alten gemacht habe. Zu ſeinem Befremden erfuhr er aber von ſeiner Mutter, daß ſein Vater ſchon bald nach acht Uhr Abends wieder nach Hauſe gekommen, ſehr verſtimmt geweſen ſei, und über die Vorſtellung gar nichts geſprochen, ſondern ſich ſogleich zu Bette begeben habe. Beckmann wollte ihn jetzt nicht wecken laſſen, beſuchte ihn aber in der Morgenſtunde des nächſten Tages, um ſich nach der Urſache des ſo ſchnell abgebrochenen Theaterbeſuches zu —„Ich hab' Dir's ja im Voraus geſagt,“ ſprach ſein Vater, noch immer verdüſtert,„ich paſſe für alche Orte nicht! Ich hatte doch geſtern meinen Sonntags⸗ rock an, und dennoch bemerkte ich gleich bei meinem Eintritte in's Parterre, daß mich die Leute alle ſo ſonderbar anſahen. Nun— ich ertrug's und ſetzte mich ruhig auf den mir angewie⸗ ſenen Platz zwiſchen die geputzten Herren und Damen. Im Anfange ſagten ſie wohl nichts, als aber nach dem erſten Acte der Vorhang gefallen war, ſchrieen alle Leute im ganzen Hauſe:»Beckmann h'raus! Beckmann h'raus!“ Da bin ich denn auch herausgegangen, ich glaube, ſie hätten mich ſonſt hinausgeworfen.“
Beckmann hatte Mühe, dem theaterunkundigen Vater
begreiflich zu machen, daß das„Beckmann h'raus!“ ihm, dem
Sohne und Schauſpieler, gegolten habe, konnte aber doch jenen nie mehr beſtimmen, wieder in das Theater zu gehen.
Der Sultan im Theater an der Wien.
Der Beſuch des Sultans in Paris und Wien iſt ein für die Geſellſchaft ſo epochemachendes Ereigniß, daß man mit immer neuem Intereſſe von den einzelnen Phaſen deſſelben hört. So ſchreibt ein Correſpondent aus Wien über die Anweſenheit des Sultans im Theater an der Wien wie folgt:
Den Shuuan habe ich geſtern zum zweiten Male geſehen, als er im Theater an der Wien erſchien, um dem unver⸗ gleichlich tragiſchen Geſchick der„Prinzeſſin Hirſchkuh“ ſeine Theilnahme zu ſchenken. Auch hier war das Haus von einem eleganten Publicum— die betriebſame Direction hatte ſofort die Preiſe erhöht— überfüllt. Das Stück hatte ſchon ſeinen Anfang genommen, als der Großherr, abermals mit faſt geſuchter Einfachheit gekleidet, in die Hofloge trat; die Prinzen und das Gefolge nahmen die anſtoßenden Logen des erſten Ranges ein; nur die Leibgarden poſtirten ſich auch diesmal in der erſten Reihe der Parterre⸗Sperrſitze. Sein
Vierte Folge.
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Eintreten unterbrach die Vorſtellung. Das Orcheſter ſtimmte die türkiſche Hymne an, das ganze Haus hörte ſie ſtehend und begrüßte den Gaſt dann mit ſtürmiſchem Zuruf, den derſelbe leichthin dankend erwiderte. Nach dem Beginn des zweiten Actes erſchien auf kurze Zeit der Erzherzog Wilhelm und nahm neben dem Sultan Platz. Das Stück nahm nun ſeinen ungeſtörten Fortgang. Die Züge des kleinen Prinzen und ſeines Leibmohren, den er diesmal mit ſich gebracht, ſtrahlten vor Entzücken; der Dolmetſch war unausgeſetzt in Anſpruch genommen, ihm den Sinn all' dieſes Unſinns klar zu machen. Aber auch der Sultan ſchien Intereſſe an dem papiernen und goldflitternden Glanz zu nehmen, und als der Schlußvorhang fiel, ſaß er noch immer auf ſeinem Platz, als warte er noch auf Weiteres. Elektriſche Batterien vom Dach des Theaters beleuchteten ſeine Heimfahrt durch die zum Erdrücken gefüllten Straßen. L.
Misrellen.
Ein berühmter Redner that den ſchönen Ausſpruch: „Man ehrt ſich mehr durch die Rückſichten, welche man be⸗ obachtet, als durch die, welche man beanſprucht.“
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„Was iſt denn eigentlich Metaphyſik?“ wurde einſt ein alter Herr gefragt, der hierauf zur Antwort gab:„Wenn der Zuhörer nicht weiß, was der Redner meint und der Redner ſelbſt nicht weiß, was er eigentlich meint und ſagen ſoll— das iſt Metaphyſik.“—r.
— t.
Ein ſpaniſcher Mönch von der„Brüderſchaft für die verirrten Seelen“ ſtand an der Thür einer Kirche mit einem Teller in der Hand und bat um Gaben, indem er ſprach: „Wer einen Real auf dieſen Teller legt, kann eine Seele aus dem Fegefeuer befreien.“ Ein Bauer kam des Weges, zog die begehrte Münze aus der Taſche, legte ſie auf den Teller und frug dann:„Sag' mir, ehrwürdiger Bruder, glaubſt Du, daß die Seele jetzt ſchon aus dem Fegefeuer heraus iſt??)
„Darüber kann kein Zweifel ſein,“ entgegnete der Mönch.
„So, nun dann will ich mein Geld wieder wegnehmen,“ meinte der Bauer,„denn die Seele wird doch nicht ſo dumm ſein, wieder hineinzugehen, wenn ſie einmal glücklich her⸗ aus iſt.— r.
Einer jungen Dame in Chicago, welche durch eine heftige Erkältung die Sprache verloren hatte, wurden in einer Woche zwanzig Heirathsanträge gemacht. C.
Vom deutſchen Büchermarkt.
Schleſiſche Provinzialblätter. Herausgegeben von Oelsner. Breslau, bei Trewendt. 1867.
Wie wir dieſes fortlaufende Unternehmen ſchon fter mit verdientem Lobe erwähnt haben, ſo geſchieht es auch hier in Bezug auf einige der uns zuletzt zugegangenen Hefte. Sie enthalten unter Anderm als belehrend die Geſchichte der Communalſchulden im erſten Viertel des Jahrhunderts und: Paul Fleming und die Schleſier. O. B.
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