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ſie hat alſo ſicher kein ſchönes Ausſehn und birgt
doch eine ſo prächtige Kraft in ſich! Solch ein Kräut⸗ lein will ich Dir anempfehlen; es wächſt in allen Landen, verträgt aller Zonen Klima und ſcheint auf den erſten Blick ſtachelige Blätter zu haben, ſo daß die Hand ängſtlich anſteht, zuzugreifen; hat man aber erſt das Kraut ſich zu eigen gemacht, ſo wird man bald eine friedſame Frucht davon ſpüren; und dieſes Kräutlein, wie wir es ſchon in vielen Fabeln und Sinngedichten ſcharfſinniger Poeten gefeiert finden, iſt Geduld und Ausharren, Tragen und ſich Schicken. Mein Erich, ich will Dir nicht von der chriſtlichen Schickung vorreden, wie ſie der Herr verlangt, ich will Dir einfach eine Geſchichte aus meinem Leben erzählen, eingedenk der Wahrheit, daß gute Lehren Silber, gute Beiſpiele aber Gold ſind! Nun ſiehe, mein Erich, es gab eine Zeit, wo Olaf Niegelſon's, Deines Ohms, Haar noch nicht ſo ergrauet war, als heute, ſein Herz noch nicht ſo friedſam und geduldig ſchlug, als in der Gegenwart, ſeine Zunge noch nicht zum Tragen und Dulden ſprach, wie jetzt; damals nun war ich zu Kopenhagen als junger Geiſtlicher und lebte in Verhältniſſen, die, durch die weite Ausdehnung und Verzweigung meiner Familie be⸗ dingt, die angenehmſten und freudigſten waren, bis ein unbedachtes, zorniges Wort die gute Meinung, die meine Vorgeſetzten von mir hegten, verwiſchte und ich mich plötzlich nach Islands Hauptſtadt, hier nach Reikiavig verſetzt ſah. Ging ich ſchon mißgeſtimmt nach der Inſel, da ich ungern aus meinen eben be⸗ ſchriebenen Verhältniſſen ſchied und Island für eine trouloſe Einöde hielt, ſo ward mir der Aufenthalt noch viel unangenehmer, da der damalige Biſchof von Reikiavig, ein entfernter Verwandter unſeres Hauſes und uns ohnehin ſchon nicht hold um einer Erbſchaft willen, die er gern den Seinen zuwenden wollte, die Gelegenheit benutzte und, wohl ahnend, daß irgend etwas Widriges meiner Ueberſiedelung zu Grunde liegen müſſe, dem jungen Verbannten gleich bei dem erſten Zuſammentreffen ernſt und herbe in das Ge⸗ wiſſen redete. Stolz, Betrübniß und eine Art von Heimweh wogten in meiner Bruſt und trieben mir in unbewachten Augenblicken die Thräuen in die Augen; ſo verlebte ich die erſte Nacht zu Reikiavig und ſchaute am Morgen trübe aus den Fenſtern der mir angewieſenen Dienſtwohnung auf die Gaſſe. Nach⸗ dem ich mich ſchnell mit den Sehenswürdigkeiten der mir gegenüberliegenden Hänſer bekannt gemacht hatte, ſank mein Blick wie von ſelbſt hinunter auf das Stein⸗ pflaſter, und dort, Erich, ward mir ein Anblick, der an und für ſich ganz wenig und jedem Andern be⸗ deutungslos, für mich aber von der höchſten Bedeu⸗
Novellen⸗Jeitung.
tung und Heilſamkeit war. Zwiſchen den ziemlich holperig eingerammten Steinen des Pflaſters nämlich kroch eine kleine graue Raupe, deren Ziel die gegen⸗ über liegende Seite des Rinnſteines zu ſein ſchien; mochten die Steine nun zu ſchlüpfrig oder die Kräfte des Wurmes nicht hinreichend ſein, um ſich feſt zu klammern, kurz, die Raupe fiel immer wieder zurück, und rollte womöglich ein Stückchen weiter rückwärts, als ſie beim Beginnen des Steigens gelegen hatte. Allein ſie ließ ſich durch dieſe mißlungenen Verſuche nicht in ihrem Eifer ſtören und ſtieg immer wieder, um dann immer wieder herab zu rollen; eine Zeitlang beluſtigte mich das Spiel, dann aber war es mir plötz⸗ lich, als ob ſich ein Finger auf mein Herz legte und als ob mir eine Simme zuflüſterte: ⸗Die kleine Raupe, ein unvernünftiges Thier, läßt nicht von der Hoffnung und ihr thieriſcher Inſtinct ſagt ihr, daß, wer aus⸗ harret, auch den Lohn erringt— und Du, ein ver⸗ nünftiger Menſch, haſt alle Hoffnung verloren, und Deine himmelentſproſſene Seele vergißt ganz, daß Gott in den Briefen ſeiner unermeßlichen Gnade und Vaterliebe ihr geſchrieben hat: Sei getreu bis in den Tod, ſo will ich Dir die Krone des ewigen Lebens geben!⸗ Erich, ich habe die Stimme nicht verlacht, ſondern ich habe ſie mir zur Richtſchnur genommen; ich habe ge⸗ tragen und habe mich geſchickt, und nach kurzer Friſt hatte ich durch Dienſteifer und Treue im Amt meine neuen Oberen für mich gewonnen und Island war mir lieb geworden und zwanzig Jahre ſpäter ſaß ich auf dem⸗ ſelben Stuhle, davor ich einſt zitternd ſtand und mir meine Seele von fremder Hand mußte erklären laſſen. So hat mich die Hoffnung nicht zu Schanden werden laſſen und Erich, mein Junge, höre darum auf den Spruch Deines alten Ohms, daß der Menſch, der von der Hoffnung läßt, dem törichten Schiffer gleicht, der in Verzweiflung das Tau vom Anker ſchneidet, ſo daß das Schiff in das brandende Meer hinausge⸗ trieben wird und erbärmlich ſtranden muß! Gottes Rathſchlüſſe ſind unerforſchlich, aber ſie ſind allezeit gut; darum harre aus in Geduld! Zeit bringt Roſen und wer da harret in Frieden, der erntet auch in Segen!— Die Edda iſt ein wunderſames Weib; von Kindesbeinen an habe ich ſie gekannt und ſie iſt unter meinen Augen aufgewachſen zu einer herrlichen, lieb⸗ lichen Blüthe; ſie iſt ſchön, tugendſam, fromm, kurz, ſie iſt im Beſitze aller der Tugenden, wie ſie ein Weib nur haben kann, um ein Weib zu ſein im wah⸗ ren Sinne des Wortes! Die Edda iſt auch aus einem edlen Blut und Geſchlecht, denn die Meiſten von Islands Bauern ſind von einem Blut, das ſich meſſen kann mit jeglicher Adelsfamilie auf Seeland und Alum, und wollte der König— wäre Norſen Kor⸗ 4 4⁰


