Jahrgang 
1-26 (1867)
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In der That? Ich bin höͤchſt erfreut, das zu hören.

Ich erzählte Ihnen, ich würde einen Verſuch machen, Georginen noch einmal zu ſehen. Ich wußte, das ſie mit ihrem Vater und andern Verwandten und Freunden Sonn⸗ tags öfters in den zoologiſchen Garten ging. Ich konnte, wie Sie wiſſen, nicht in das Haus des alten Warren gehen, weil ich gewiſſermaßen aus demſelben fortgewieſen worden war. So ging ich denn in den zoologiſchen Garten und ſah mich nach Georginen um. Ich entdeckte ſie bald mit ihrem Vater und vielen andern Bekannten. Sie ſah mich und verſtand aus meinen Zeichen, daß ich ſie insgeheim zu ſprechen wünſche. Sie blieb hierauf etwas hinter ihrer Ge⸗ ſellſchaft zurück und als ſich die die Letztere zu den Känguruhs begab, ſchlich ſie ſich mit mir in das Schlangenhaus. Sie ſah ſehr erſchrocken aus und die Thränen ſtanden in ihren Augen; ich ſchlang meinen Arm um ſie es war mir ganz einerlei, wer mich ſah und ſagte ihr, ſie brauche gar nicht beunruhigt zu ſein, ich wünſchte blos ein paar Worte mit ihr zu ſprechen. Dann erzählte ich ihr, es mache mir Kummer, daß ich ihr nicht ihre Briefe zurückgeſchickt hätte, wie ich es hätte thun müſſen, aber die einfache Thatſache ſei, daß ich es nicht hätte thun können.Sie lieben mich alſo noch immer, Ned? ſagte ſie.Natürlich thue ich das, Georgina, antwortete ich;wer hat ihnen geſagt, daß ich das nicht mehr thäte? Dann begann ſie heftig zu weinen. Kemm, Georgina, ſagte ich,werde mein liebes Frauchen, mag Ihr Vater das gern ſehen oder nicht. Sagen Sie nur Ja. Sie ſagte das Wort nicht. Das arme Mädchen! Ich glaube nicht, daß ſie vor Weinen nicht ſprechen konnte; aber ſie blickte mich an, nickte ein wenig und dann fing ſie an unter ihren Thränen zu lachen. Es war das Hübſcheſte, was ich je ſah. Natürlich küßte ich ſie. Dann kehrte ich mich um und wer ſtand dicht neben mir? Der alte Warren! Georgina ſtieß einen kleinen Schrei aus und dann verſuchten wir glauben zu laſſen, daß wir nur nach der Boa Conſtrictor ge⸗ ſehen hätten, was natürlich Niemand glaubte. Ich ſagte daher zu dem alten Warren in einer heitern Weiſe, indem ich ihm meine Hand entgegenſtreckte:Herr Warren, Georgina und ich ſind entſchloſſen, Mann und Frau zu werden. Das iſt feſt beſchloſſen. Aber Sie und ich mögen trotz alledem gute Freunde bleiben. Es wird uns viel lieber ſein, wenn Sie dazu ihre Einwilligung geben, als wenn Sie das nicht thun. Geben Sie uns dieſelbe! Er war ſo überraſcht, daß er, wie ich glaube, ehe er noch wußte, was er that, meine Hand ge⸗ faßt hatte, vor allen ſeinen Freunden, die um uns herum⸗ ſtanden und auf uns ſahen. Natürlich konnte er nun nicht wieder zurücktreten; und ſo und ſo war die Sache ge⸗ ordnet.

Ich wünſchte ihm herzlich Glück. Sofort ſagte ich ganz zufällig:Wie glücklich war das, daß Sie der Miß Warrens ihre Briefe nicht zurück geſchickt hatten!

Lieber Freund, das wünſhte ich ihr gerade zu erklären. Ich konnte ſie nicht zurückſchicken.

Dieſe Briefe waren Ihnen zu theuer?

So würde er zuletzt doch noch ein romantiſches Gefühl verrathen haben.

Durchaus nicht, erklärte er mir.FIch konnte ſie nicht zurückſchicken, weil ich ſie gar nicht aufgehoben hatte. Ich hatte ſie verbrannt.

Verbrannt?

Ja. Wozu ſie aufheben? Ich bewahre nur Geſchäfts⸗ briefe auf, die in meinem Geſchäftslocal regelmäßig geordnet

Novellen⸗

ſind. Georginens Briefe aber waren von keinem Nutzen.

Zeitung.

Ich konnte ſie nicht gut aufheben und machte Fidibuſſe daraus.

Sie haben ihr das nicht erzählt?

Nein, ich hatte keine Zeit. Ich kam nie bis zur Er⸗ klärung über die Briefe.

Dann, lieber Stone, bitte ich Sie dringend, was Sie auch thun mögen, geben Sie der Miß Warren keine Erklä⸗ rung über die Briefe.

Weshalb ſollte ich das nicht thun?

Sehen Sie das nicht? Sie dachte, Sie hätten ihr die Briefe deshalb nicht zurückgeſchickt, weil dieſelben Ihnen ſo theuer wären, daß Sie ſich nicht davon zu trennen vermöchten, und ſo iſt es Thatſache, daß dieſes kleine Mißverſtändniß Georginens zu der Wiederherſtellung Ihres Liebesverhältniſſes führte.

Glauben Sie das wirklich? fragte er ſinnend.Aber wenn Georgina darüber ſich in einem Irrthume befindet, dann halte ich mich für verpflichtet, ihr denſelben zu benehmen.

Mein lieber Stone, folgen Sie meinem Rathe; aus Furcht vor neuen Unfällen benehmen Sie ihr den Irrthum wofern ſie ihr ihn durchaus benehmen wollen, wozu Sie in dieſem Falle gar keine Verpflichtung haben erſt nach der Hochzeitsfeier, nicht vor derſelben.

Ob Ned Stone meinen Rath befolgt hat oder nicht, habe ich nicht erfahren. Seine eheliche Verbindung mit Miß Warren fand nach kurzer Zeit ſtatt und ich weiß, daß dieſe Dame ſpäter oft erklärt hat, ihr ſei der beſte Ehemann in der Welt beſchieden worden.

Sein praktiſches Weſen hat ſich als nützlich bewährt; und es mag ein ganz guter Plan ſein, Liebesbriefe zu Fidi⸗ buſſen zu benutzen; dennoch trage ich großes Bedenken, es als Regel aufzuſtellen, dieſes Verfahren unveränderlich an⸗ zunehmen. Verliebten muß es in dieſer Beziehung ganz allein überlaſſen bleiben, das zu thun, was in ihren Augen als das Richtige erſcheint. Indeſſen wird ſicher Jedermann zuge⸗ ſtehen, daß die Geſchichte von Stone's Liebesangelegenheit zeigt, wie Vieles ſich zu Gunſten des praktiſchen Weſens ſagen läßt.

C.

Ein moderner Landpfleger und Friedensfürſt. Die Ländergebiete des Libanon gehören ſicherlich zu den ſchönſten der Erde und waren ſchon ſeit dem höchſten Alter⸗ thum bevölkert, undzwar immer bunt und abenteuerlich, bereits in Salomons Tagen. Neuerdings ſind ſie ja wieder durch den blutigen Fanatismus berüchtigt geworden, der dort von muhamedaniſcher Seite gegen die Chriſten wüthete.

Zum zweiten Male leſen wir im Berichte eines eng⸗ liſchen Reiſenden durchſtreifte ich Syrien. Ehe ich meine Schritte weiter nach Norden lenkte, drängte es mich, den Diſtrict vom Libanon wieder zu beſuchen, um mit eignen Augen zu ſchauen, ob und in wie weit ſich derſelbe von den gräßlichen Raub⸗ und Mordſcenen des Jahres 1860 erholt habe. Damals war die ganze Bevölkerung zu Bettlern geworden und mehr denn zweihundert Dörfer lagen in Aſche. Viele Meilen ehedem wohlbebauten fruchtbaren Landes waren nichts mehr als eine jämmerliche Wüſte. Neuerdings ſollte die Verwaltung des Libanon ſehr viel für das Wieder⸗ aufleben der unglücklichen Provinz gethan haben; ich war neugierig zu ſehen, in welcher Weiſe dies bewerkſtelligt war.

Mit einem Empfehlungsſchreiben des in Beyrut reſidi⸗ renden britiſchen General⸗Conſuls machte ich mich zu Daud Paſcha, dem neuen ottomaniſchen Gouverneur des Libandn,