Jahrgang 
1-26 (1867)
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Vierte Folge. 19

Bankierstochter, und die ſchöne Gräfin wurde das, was ſtehen, daß ich mich damals um dieſes Gerede wenig die Italiener liebeskrank nennen. Ihr alter Mann, ſei gekümmert habe. In einer kleinen Stadt wie Jena,

es nun, daß er wirklich beſorgt um ſie war, oder an ihrer trübſeligen Geſellſchaft wenig Gefallen fand, ſchickte ſie wohlbewacht nach Wien zu ſeiner Schweſter, von welcher er glaubte, daß ſie wie ein Drache ſeinen Schatz hüten würde, aber die junge Dame war doch, nachdem ſie wieder geneſen, ſchlauer als die alte.

Sie wandte wahrſcheinlich das erprobte Heil⸗ mittel an, die Schmerzen der erſten Wunde, welche ihr die Liebe verſagte, durch eine neue, glücklichere Liebe zu verbannen, lachte der Maler.

Freilich, und Du, mein lieber Poet, zeigſt wenig Kenntniß des menſchlichen Herzens, indem Du Deine Frauen faſt immer treu bis zum Tode ſein oder an gebrochenem Herzen ſterben läßt.

Frauen, und nur wenige lieben nur einmal, ſagte der Doctor.Genug, die ſchöne Gräfin und Bach⸗ müller ſahen ſich oft, bald da, bald dort, verſteht ſich hinter dem Rücken der alten Schwägerin. Ich traf meinen alten Bekannten im Colleg und auf der Ana⸗ tomie, er ſchien ſehr entzückt, mich zu ſehen, wir hatten daſſelbe Speiſehaus, und obgleich mein Herz nicht immer für ihn ſprach, ſo fühlte ſich doch mein Geiſt ſtets von ihm angezogen. Bachmüller war ein hoch⸗ begabter Menſch, aber ich hatte ſchon in Würzburg einige Male bemerkt, daß er der vollendetſte Egoiſt war, und ich habe Widerwillen gegen ſolche eingefleiſchte Egoiſten. Deshalb erlaubte ich mir auch keine Be⸗ merkung über ſein Verhältniß zu der Gräfin; wäre er mein Freund geweſen, ſo würde ich ihm vorgeſtellt haben, daß derartige Verhältniſſe in der Regel einen traurigen Ausgang haben, und nicht immer iſt es die Frau, welche am wenigſten leidet. Eines Tages jedoch erlaubte ich mir eine Warnung: ich hatte nämlich in einer größeren Geſellſchaft in einem Bankierhauſe von dem Verhältniſſe der Gräfin mit einem nord⸗ deutſchen Studenten, einem Baron von Bach, ſprechen hören, womit kein Anderer als mein Bekannter gemeint ſein konnte. Hatte er ſelbſt ſich für Baron Bach aus⸗ gegeben, oder war er durch die Gräfin zu dieſem Titel gekommen, das weiß ich nicht. Gewiß jedoch war, daß er bei der alten Gräfin Wenſierska durch den

Profeſſor R., welchen die Damen zum Arzt hatten,

als Baron Bach vorgeſtellt worden war, Bachmüller ar es gelungen, den grundgelehrten Profeſſor total für

8 ſich einzunehmen. Auch hörte ich ſagen, Ferdinand

ſei ein Herr von Bach, habe von einem Pathen Geld

geerbt und müſſe ſich wegen deſſen im Teſtamente

ausgeſprochenen Wunſche auch Müller nennen, wodurch

Wir Männer ſind in der Liebe mindeſtens eben ſo beſtändig wie die

Roſtock, Tübingen würden die Studenten unter ſich der Wahrheit auf die Spur gekommen ſein, in Wien, Berlin, Prag, wo ſich der einzelne Student unter der b Einwohnerſchaft verliert, und zumal in Wien, wo zu meiner Zeit die Corps verboten waren, nahm man von Bachmüllers Erzählungen keine Notiz; jedenfalls war er ſchlau genug, wenn er ſelbſt Gerüchte über ſich verbreitet hatte, dies auf die feinſte und klügſte Weiſe gethan zu haben. Endlich war ich wirklich ein flei⸗ ßiger Student, der ſich mehr um lehrreiche Bücher, als um Stadtgeſchwätz kümmerte, und allerendlichſt trug ich ſchon damals das liebenswürdige Mädchen, welches ſpäter meine Frau wurde, innigſt im Herzen.

Zwei Jahre waren mir in Wien entſchwunden, die ſchöne Gräfin hatte nach dem erſten, glücklich ver⸗ lebten Winter in der Kaiſerſtadt wieder nach Gallizien zu dem alten Gatten reiſen müſſen; aber zur Herbſt⸗ zeit, in welcher die Virtuoſen einziehen und der Adel von ſeinen Gütern nach Wien kommt, erſchien auch wieder die reizende Dame, um ſich einer Nachcur zu unterziehen.

Ihr Gemahl und ihre Hüterin hatten allen Grund, zufrieden mit ihr zu ſein; ſie beſuchte keine Bälle, ſelten das Theater und brauchte wenig Geld. Sie ſchien Bachmüller wahrhaft zu lieben, denn ſonſt würde ſie nicht in ſolcher Beſchränkung glücklich geweſen ſein. Bachmüller war bereits Doctor geworden und be⸗ gleitete den Profeſſor R. oft als Aſſiſtenzarzt zu den Damen, wo ſich das Paar heimlich zuſammenfand. Wie die Gräſin es anſtellte, weiß ich nicht, aber das iſt ſicher, die Liebenden ſahen ſich heimlich. 4

Eines Abends als ich krank zu Bett lag, trat Bachmüller bei mir ein. 3

»Ich vermißte Dich heute beim Speiſen,⸗ ſagte er,»wollte doch nach Dir ſehen! Hoffentlich nichts Typhöſes, Freund? Wohl nur leichte Grippe.

»So glaube ich, und Dein Beſuch iſt ein Glück für mich, denn ich könnte doch Einiges bedürfen.

»Verſteht ſich. Ich werde Dir Thee machen, bei Dir bleiben, habe Zeit für Dich, ſo viel Du willſt.

Bachmüller benahm ſich während meiner Krankheit, die drei Wochen dauerte, ſo liebenswürdig, daß ich es meiner Uebezeugung nach für Pflicht hielt, mit ihm über ſein Verhältniß zu der Gräfin zu ſprechen.»Was wird das Ende ſein?« fragte ich.»Liebt Dich dieſe Frau wahrhaft, und ich bin geneigt das zu glauben, ſo wird ſie durch die Trennung von Dir, welche enn lich doch erfolgen muß, ſehr leiden. Ich will ohnen

Steine auf ſie werfen, denn es iſt widern mehrere