Jahrgang 
1 (1858)
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— Er hätte freilich etwas anderes verdient; aber du wirſt ihm gnädig ſein, lieber Gott, und ſeiner Dummheit zu gut halten, was er gethan hat.— Aus tiefer Noth ſchrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen; dein gnädig Ohr neig her zu mir und meiner Bitt es öffne. Denn ſo du willſt das ſehen an, was Sünd und Unrecht iſt gethan, wer kann, Herr, vor dir bleiben?“

Während die Brodhüterin dieſes und Anderes Gott in Gebet und Fürbitte vortrug, war ihr von den fuͤnfzehn breiten und ſchmalen Wegen, die vor ihr lagen, einer wie der andere, und als ſie ihre Augen und Gedanken auf etwas Anderes richtete, befand ſie ſich in einem tiefen Hohlweg, der ſteil bergan führte, und mit den Aeſten und Zweigen bedeckt war, welche die Buchen und Föhren von links und rechts ſich einander entgegenſtreckten. In der Mitte deſſelben lag ein Blatt roſenrothes Papier, das ſeinen wahrſcheinlich kurzen Flug auf einer Partie Sauerklee beſchloſſen hatte, und worauf geſchrieben ſtand:

Des Tags in einer Wolkenſäule,

Des Nachts in einer Feuerſäule Gingſt du, Herr, deinem Volk voran Den rechten Weg nach Canaan.

Ei, wie ſo gut war es bedacht!

Sein Führer warſt du Tag und Nacht. Nun flammt nicht mehr die Feuerſäule, Nun ſteigt nicht mehr die Wolkenſäule. Doch zeiget deine Güt und Gnad

Mir immer noch den rechten Pfad. Dein Wort führt mich den rechten Steg Und iſt ein Licht auf meinem Weg.

Die Brodhüterin hob das fliegende Blatt auf, und als ſie die Verſe darauf geleſen hatte, war es ihr, als ſollte ſie ſich nach der Taube umſehen, die ihr dieſes Oelblatt unmittelbar vom Himmel gebracht hätte.

Bald aber erkannte ſie in dem Papier eines von den Blättern, worein die Pathengeſchenke ihres Jakob gewickelt waren, und dankte Gott für ſeine große Barmherzigkeit, womit er ſie auf die Spur des verlorenen Sohnes gebracht hätte.— Und ungefähr dreißig oder vierzig Schritte weiter fand ſie wieder ein Blatt, das vom Thau durchnäßt und mit hängenden Flügeln auf dem Moos⸗ teppich einer Felſenplatte lag.„Jetzt werde ich ihn bald haben!“ jubelte es in dem Herzen der Mutter bei dem Anblick deſſelben, und ob ſie gleich ſchon vor Freude kaum zu Odem kommen konnte, ſo lief ſie doch mehr, als ſie ging, vollends den Berg hinan. Als ſie aber oben ankam, und aus dem grünuͤber⸗ wölbten Hohlweg heraustrat, ſah ſie nichts vor ſich, als einen breiten und kahlen Bergrücken, weit und breit kein Oelblatt mehr und nicht einmal die leiſeſten Spuͤren von Fußſtapfen im Thau, ſo weit er in dem Schatten der hohen, den Bergrücken rings bekränzenden Waldbäume noch unberührt von Sonne und Morgenwind lag. Selbſt der Fußpfad, der ſonſt auf dieſer Höhe zu der Kapelle der fomerghaften Frau führte, war verſchwunden, ſeitdem ſich die Bewohner der ganzen Umgegend zur proteſtantiſchen Kirche geſchlagen hatten und keine Andächtigen mehr weder alleine noch in Prozeſſionen zur Mutter Gottes darin wallfahrteten. Hirten und barfüßige Holzleſerinnen aber, die kreuz und quer über die Fläche ſchreiten, laſſen in dem kurzen von den Schafen beſchorenen Graſe keine Wege hinter ſich zurück. Dazu kam noch ein ſchweres Gewitter, das von Morgen heranrückte und der Brodhüterin keine andere Wahl mehr ließ, als in der Kapelle bis auf Weiteres ein ſchuͤtzendes Obdach zu ſuchen.

Sie war aber noch niemals in dieſem Bethel geweſen, und deſto mehr wurde ſie von der ſteinernen Frau überraſcht, die den heilt en Leib des gekreu⸗ zigten Sohnes auf dem Schooß und in den Armen, auß Steine ſaß, als wäre es einer von Golgathas Felſen.

Muͤde an Leib und Seele von dem ungewohnten Gang und von dem Kum⸗ mer um den verlorenen Sohn ließ ſie ſich vor dem Bilde auf den Boden nieder, ſchaute unter dem überhängenden Schleier hinein in das ſchmerzensvolle Ange⸗

einem unbehauenen