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brachte, eilte die Mutter des Verunglückten auf dem kürzeſten Fußpfade nach der Stätte des Jammers. Dort ſetzte ſie ſich auf eine niedere Felſenplatte, ließ ſich den halbtodten Sohn auf den Schooß heben und behielt ihn in ihren Armen, bis ihm der Odem ausgegangen war.— Das Jahr darauf befahl ſie, den Fels mit einer Kapelle zu überbauen und auf ihn das Bild der ſchmerzens⸗ reichſten aller Mütter zu ſetzen. Der Meiſter aber, der Architekt und Bildhauer zugleich war und die Ausführung dieſes Befehls übernahm, hatte mit Andern damals die Fürſtin begleitet, als ſie den traurigſten Weg ihres Lebens be⸗ trat, und darum ſcheint es mehr als Sage zu ſein, wenn es in der Umgegend heißt, die Maria auf der Platte, eine ſtattliche Frauengeſtalt in mittelalterlichem Gewande ſei ein getreues Conterfei von der Fürſtin.
Der Antheil aber, den unſer Vogelſteller an der Kapelle nahm, hatte weder in dem verunglückten Prinzen, noch in der ſchwerheimgeſuchten Mutter desſelben ſeinen Grund, ſondern in etwas ganz Anderem, was in der folgenden Geſchichte zu Tage liegt, in der er— nämlich unſer Vogelfänger ſelbſt— die Haupt⸗ perſon iſt und wenn auch nicht die glänzendſte, doch die erſte Rolle hat.
Wenn in einem Thalkeſſel, wie der iſt, in welchem Ortenberg liegt, mit⸗ unter einmal kein Thurmfalke horſtet, dann geht auch die Zeit ganz ruhig vorüber, wo die Hausſchwalbe ihre flüggen Jungen aus dem Neſte auf die Bäume in dem Hausgarten führt und da den Tag über ätzt. Man hört nun hin und wieder ein ungezogenes Gekreiſche, womit das unerſättliche Volk den Alten die weit aufgeſperrten Schnäbel entgegenſtreckt, oder einige Bettellaute von den Großen, die den mit Futter wiederkehrenden Alten entgegenflattern, weil ſie nicht ſitzen bleiben und warten wollen, bis die Reihe an ſie kommt. Die Mütter aber ſetzen, wenn ſie wieder ein Maul geſtopft haben, ihren Fliegen⸗ fang fort, ſorgenlos und ohne Umſchauen hingleitend über den Spiegel des Weihers und den Blumenflor auf den Wieſen, oder an kühlen Tagen zwiſchen den Rindern und Schafen auf der Weide. Ganz anders aber iſt es, wenn ein Sperber im Revier iſt. Da ſind Angſt, Schrecken, Jammer und Geſchrei an allen Enden. Den Gelbſchnäbeln merkt man freilich, ehe ſie der Krummſchnabel beim Fittig nimmt, nichts dergleichen an. Deſto mehr den Alten. Ihr Flug, ſonſt gerade ausgehend, wie der Cours des kühnſten Amerikaners, iſt zum un⸗ ſichern und ängſtlichen Flattern und Kreiſen geworden. Der Wunſch, den hung⸗ rigen Kindern Brod zu holen, zieht ſie fort, und der Gedanke an die Gefahr, in der ſie die Armen zurücklaſſen, bringt ſie nach einem Augenblick wieder zur Umkehr. Aber es hilft ihnen Alles nichts. Irgend woher ertönt ein warnen⸗ der Schrei; aber zu ſpät. Der Feind hat ſich wieder ein Opfer auserſehen und ſchießt ſchon wie der Blitz aus der Höhe herab. Die Alten können ſich noch retten; aber die Jungen flattern rathlos umher und ſchon im nächſten Augen⸗ blick hat der Räuber wieder eins in ſeinen Krallen und drückt ihm mit Einem Griff Bruſt und Herz ein. Alles fliegt ihm ſchreiend nach, aber vergebens. Alles fliegt dann zum Himmel empor und klagt dem Himmel die Noth. Aber auch der Himmel hat für die ſeufzende Creatur kein Ohr. Noch an dem näm⸗ lichen Tage oder am andern ganz gewiß wiederholt ſich derſelbe Jammer, und wenn der Herbſt gekommen iſt, ziehen die meiſten Alten wieder allein dahin, wie ſie im Frühlinge gekommen ſind.
Noch ſchlimmer ging es einmal ein Stockwerk tiefer, unter den Dächern von Ortenberg, wo andere Herzen ſchlugen, die den Verluſt eines Kindes nicht ſo leicht und ſchnell verſchmerzen und verwinden konnten, wie die Schwalben.
Viele Jahre waren die Mütter des Städtleins, beſonders die einſamen und armen, in dem ſichern und ungefährdeten Beſitz ihrer heranwachſenden und erwachſenen Söhne glücklich geweſen. Der Tod hatte ſeit Menſchengedenken die traurigen Scenen von Naim nicht wiederholt, die Gefahren der Verführung waren damals kaum des Nennens werth, und das wenige ſtehende Militär des Furſten beſtand größtentheils aus alten Invaliden und hatte nicht mehr An⸗ ziehendes, als ein vergilbtes und in Schweinsleder gebundenes Exercier⸗Regle⸗


