es ihn doch fort und fort, bis der kalte Brand dazu kam und ſeinem jungen Leben ein Ende machte. Die Doktores aber, die Urſache ſeines Todes zu er⸗ fahren, ſchnitten den Leichnam auf und fanden in der Magenwand einen Glas⸗ ſplitter, nicht größer, als der Dorn einer wilden Roſe iſt. Und das Glaskrüg⸗ lein, daraus der Verſtorbene am Sylveſterabend getrunken, hatte oben am Rand ein Scharte, darein der Splitter paßte, wie ein Aſt in ſein Loch und ein Stilet in ſeine Scheide.— Seitdem mahlt man den Tod, wie er von hinten her über die Zecher herein ſchaut und ſein Stundenglas mit dem rinnenden Sand hin⸗ hält, als wollte er anſtoſſen und ſagen„Laßt mich auch mitthun, ihr Herren!“ Schlußſeufzer.
Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!
Hin geht die Zeit, her kommt der Tod.
Ach wie geſchwinde und behende
Kann kommen meine Todesnoth!
Mein Gott, ich bitt durch Chriſti Blut,
Mach's nur mit meinem Ende gut.
So lange der Stadtſoldat an der vorſtehenden Morgenbetrachtung las, hatte der Vogelſteller mit den hundert Knöpfen, Hacken und Schleifen ſeines Anzugs zu thun; als aber der Vorleſer an den Schlußſeufzer kam und ein Vater⸗ unſer hinzufügte, richtete er ſich auf und faltete ſeine Hände. Dann ſagte er Ade, ging in die Kuche, zündete ſeine Pfeife mit einer Kohle aus dem Aſchen⸗ haufen auf dem Herde an, nahm den großen Tragkorb mit dem neuen Garn auf den Rücken und verließ, einen handfeſten Prügel unter dem Arm, die Karthauſe.
Draußen lag ein dichter Nebel über Berg und Thal, und die Buchen troffen von ihm, als wäre erſt ein Strichregen über ſie hingegangen. Uebrigens war es mondhell und nicht viel dunkler, als in einer Schlafſtube, wo die Nacht⸗ lampe in der mattgeſchliffenen Glaskugel brennt.
Alſo verfolgte der Vogelſteller aus der Karthauſe den vor ihm liegenden Weg ohne Unterbrechung, und kam aus dem Thal zu der Kapelle der Schmerz⸗ haften Frau, die auf dem breiten und kahlen Bergrücken ſteht. Eilen wir ihm auf der Eiſenbahn nach, die ſchon ſeit der Schöpfung des Menſchen für ſeine Gedanken gebaut iſt, ſo finden wir, daß unſer Mann an dieſem hoch liegenden Bethel einen beſonderen Antheil nehmen mußte.
Denn er nahm aus ſeinem großen Tragkorb einen Dachziegel und füllte damit eine Lücke aus, welche der letzte Sturm in die Bedachung des kleinen Helligthums geriſſen hatte. Auch den Epheu, der die ganze Wetterſeite des
ethauſes bedeckte, hatte er gepflanzt und gezogen. Denn als er bemerkte, daß die Hütte Gottes an dieſer Wand ihren Bewurf zu verlieren und Noth zu leiden anfing, pflanzte er das Immergrün an den Fuß derſelben und begoß es mit Waſſer, das er immer aus dem Bach der Zwillinge mit hinauftrug, bis es der darauffolgende milde und naſſe Winter übernahm die jungen Pflanzen zu tränken. Den nächſten Frühling darauf begannen ſie ſchon an der Mauer hinaufzuklettern zum Zeichen, daß ſich auch ihre Wurzeln ſchon in den neuen Standort gefunden hätten. Die alte Linde, welche die Hälfte ihrer Aeſte über die Kapelle ausſtreckte, ſorgte dafür, daß ſie immer den von ihrer Heimath her gewohnten Schatten hatten.
Inwendig in der heiligen Hütte war eine Mutter Gottes von Stein, ſitzend
auf einem aus dem natürlichen Boden hervorragenden Felſenblock, den heiligen
vom Kreuze genommenen Leib des Sohnes auf ihrem Schooß und in ihren Armen, in ihrer Bruſt aber den zweiſchneidigen Stahl, von dem Simeon geweiſſagt hatte„Und es wird ein Schwert durch deine Seele dringen.“ Epheuzweige,
die ſich durch ein ſchmales Fenſter in die Kapelle hinein gewagt hatten, liefen
an der gewölbten Decke derſelben hin und bildeten ein zweites grünes Dach über dem heiligen Bilde.
Vor Alters war hier ein Prinz aus dem fürſtlichen Hauſe auf dem Heim⸗ weg von der Jagd mit dem Pferde geſtürzt und mit eingedrückten Rippen liegen geblieben. Auf die Nachricht davon, die ſein einziger Begleiter in die Stadt


