Der Vogelſteller. Von K. Stöber.
In der Nacht von St. Urſula auf St. Cordula— ungefähr zwiſchen 11 und 1 Uhr— ſchlich Jemand in den Höfen und unter den Bäumen und Fels⸗ wänden der Karthauſe umher. Es war kein Ruheſtörer, ſondern einer von den Menſchenfreunden, die ſich über den geſunden und feſten Schlaf des Nächſten von ganzem Herzen freuen können. Es war ein Schloſſer; denn er öffnete das Kloſterpförtlein mit einem Dietrich, und doch keiner, weil er wieder fortging, ahue für ſeine gehabte Mühe etwas zu rechnen und in Anſatz zu bringen. ielleicht litt er an den Augen und ſcheute deßhalb jedes ſtarke Licht; denn er hielt ſich immer im Schatten und mied ſorgfaltig die Plätze, über die der Voll⸗ mond ſeinen Schein ausgoß. Oder trieb ihn die Nächſtenliebe, nachzuſehen, ob doch das Haus des Kaſtners allenthalben wohl verwahrt ſei, und nöthigen Falls die ſorgloſen Bewohner vor Schaden zu warnen? Wenigſtens unterſuchte er die Staärke der Eiſenſtangen an den Fenſtergittern des Erdgeſchoſſes, maß mit den Augen, wie lange die Leiter ſein müſſe, die mit der Spitze an ein Fenſter im erſten Stockwerk reichen ſollte, und befühlte ein Hinterthürlein am Herren⸗ hauſe⸗ ob es von weichem oder hartem Holz wäre und mit Eiſenblech beſchlagen ei oder nicht. Der gefährlichſte Nachbar für das Herrenhaus aber ſchien ihm der alte große Birnbaum zu ſein, nicht nur wegen ſeiner Höhe überhaupt, ſon⸗ dern auch wegen des dicken Aſtes, mit dem er bis an einen offenen Dachladen reichte. Um ſich vollkommen davon zu überzeugen, hatte er ſchon den Stamm mit beiden Armen umklaftert und den einen Fuß aufgehoben, als hinter ihm in der Pfründnerei eine Nachtigall zu ſchlagen anfing und er wieder hinging, woher er gekommen war.
Denn die Nachtigall, welche damals ſchlug, war keine aus dem Geſchlecht, das von Alters her angehenden Dichtern ſo viel Dinte, empfindſamen Augen ſo viel Thränenwaſſer und weichen Herzen ſo viel überwallendes Blut gekoſtet ha Es war keine von denen, welche der Herrlichkeit einer Sommernacht die
-rone aufſetzen, wann die Sterne funkeln und die Feldhölzer in feuchtem Mond⸗ licht ſtehen und eine Mutter ihr ſchlafendes Kind in den Armen nicht ſanfter wiegen kann, als die laue Luft die blühenden Erdbeeren im Buchenſchlag und das neue Schilf im Teich.— Die Nachtigall, die unſeren Nachtwandler ver⸗ ſcheuchte, war eine von denen, wie ſie die freundliche Leſerin in der folgenden Geſchichte näher kennen lernen kann.
Es waren einmal ein Mann und ſeine Frau. Der Mann hielt es mit dem, der da ſpricht„Ich aber ſage euch, daß ihr nicht widerſtreben ſollt dem Uebel,— dem Beleidiger oder der Beleidigung;— ſondern ſo dir Jemand— einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar. Und ſo Jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und ſo dich Jemand nöthiget eine Meile, ſo gehe mit ihm zwei.“ Deswegen baute er auch die Obſtmärkte nicht, wo man für Zungenkraut Ohr⸗ feigen einhandelt, und es hätte kommen mögen, wie es wollte, er wäre kein Haar weiter gegangen, als Paulus, da der Hoheprieſter Ananias denen, die um ihn ſtanden, befahl, daß ſie den Apoſtel aufs Maul ſchlügen, oder als Chriſtus vor Cajaphas, da er den Backenſtreich empfing. Denn er war lang⸗ ſam zu reden und langſam zum Zorn,— eine regennaſſe Garbe, die das Feuer mit ſeiner Zunge beleckt, aber liegen läßt und ziſchend weiter geht, wenn es merkt, daß da nichts zu machen iſt.— Das junge Weib des Mannes aber, die Wäſcherin, hielt es nicht mit dem Neuen ſondern mit dem Alten Bunde, woſelbſt es heißt„Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ und ärgerte ſich über den naſſen Klotz im Ofen, nämlich über aa Mann, den Schuſter. Denn wenn ſie auch manch⸗ mal meinte, ſie hätte recht geſchürt und ihn zum Brennen gebracht, ſo war es
doch immer nichts und ihre Mühe umſonſt.— Einmal aber, als ſie wieder geſchürt hatte, fuhr er von ſeinem Rappen auf noch einmal wie ein Drache, Maje, I. Jahrgang. 17


