Jahrgang 
1 (1858)
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Denn es mag dadurch kommnen, daß eine ſogenannte böſe Zeit oft mehr Gutes als Böſes wirkt, wenn nur immer der rechte Rechnungsmeiſter da wäre, die verſchie⸗ denen Poſten herauszufinden und aufzuſtellen.

Die Noth ſchreitet wohl mit ehernem Schritte durch ein Volk hin, blicke nun Hunger und Krankheit aus ihren Augen, oder brauſe ſie in entfeſſelten Waſſer⸗ fluthen daher. Aber ein unſichtbarer Begleiter geht neben ihr her, der ſie hier zurück⸗ hält, dort Balſam auf Wunden legt, die ſie geſchlagen, und dem Boden, in den der eherne Fuß Furchen getreten, ein Samenkorn anvertraut. Dieſer ſtille Begleiter iſt der Segen, der leiſe an die einzelnen Wohnungen und Herzen tritt und Einlaß begehrt. Keiner hat es je bereut, der ihm das Pförtlein aufgeſchloſſen, Viele aber, die nur nach dem dräuenden Antlitze der Noth blicken, beachten ihn nicht, Phariſäer ſo wenig wie Sadducäer.

Was ſo unter Sturm und Verderben jedes einzelne Dörflein, Haus, jeder Menſch beſonders erfährt, kommt freilich nicht in die Zeitungen, das weis nur Einer, der, welcher auch weiß, warum er ſolche Zeiten ſchickt. Mancher, dem Feuer oder Waſſer ſeine Habe genommen, er denkt nun erſt an Gott. Nicht nur daß der ihn auf⸗ gerüttelt aus ſeiner Sicherheit, nein, auch mit Dank, denn wunderbar iſt ihm ſein Kind gerettet worden, das er ſchon verloren ſah und darüber verſchmerzt er den andern Verluſt und hat ein großes Capital obendrein gewonnen für ſein künftiges Glück. Denn wenn's auf Erden nicht mehr ſo vergnüglich ausſieht, wie in einem Kramladen um Weihnacht, oder gar auf einem Tanzboden, ſo wendet eben Der und Jener ſeinen Blick doch an einen andern Ort als bisher, auch gen Himmel zum Beiſpiel.

Und kehrt nicht da gerade am ſchönſten der Segen ein in einem Chriſtenlande, wo die Felder ihre Gaben verſagen, die gewohnten Quellen verſtegen und der Hunger ſich zu Gaſte ladet und immer gieriger zehrt an dem Vorrathe der Armuth; daß ſie unter Sorgen ſich niederlegt und mit Kummer aufſteht? Gott, der derſelbe iſt für Arm und Reich, er hilft den Armen allerdings nicht, daß er Korn regnen und Milch fließen läßt, aber eben damit, daß er Reiche geſchaffen und ihnen Ueberfluß gegeben. Die Reichen ſollen nun Gottes Zahlmeiſter und ihre Schätze die Vorrathskammer der Armen ſein. Und das kommt Beiden zu Gute. Denn da geht den Reichen in der Noth der Armen ein Licht auf, daß ſie ſehen, welche Wohlthaten ſie bisher vielleicht ohne Dank und jedenfalls ohne Verdienſt genoſſen, und das ſoll ſie antreiben, jetzt ihr Ehrenamt um ſo gewiſſenhafter zu verwalten, das Ehrenamt, den himmliſchen Vater bei den Brüdern zu vertreten, der die Hungrigen ſpeist und die Nackten kleidet.

Gottlob! viel tauſendfältig wurde es erlebt, daß, wo der Nothruf der hungern⸗ den Armuth in die üppigen Feſte und den Ueberfluß des Reichthums gedrungen, er auch Herzen erweckt hat; daß auf den Ruf ein Geiſt des Wohlthuns iſt aufgeſtanden und durch die Länder hingegangen, gehindert von keiner Grenze, keiner Sprache und keiner Reüzion⸗ Nicht das Glück, ſondern die Noth ſtellt dem Menſchen das leben⸗ digſte Bruderzeugniß aus, nicht am Glücke, ſondern an der Noth hängen Dankes⸗ thränen, und an den Thränen auch der Segen. Die Noth hat die ſchönſten Denkmäler geſchaffen, das ſegensreichſte Gute geſtiftet, die Noth zugleich auch das Schadhafte und Faule am Leibe der Menſchheit heilen lehren, ſie hat Kranken⸗ und Armenerziehungs⸗ anſtalten gegründet, ſo gut wie Arbeitshäuſer.

Freilich läßt ſich der Segen böſer Zeiten weder immer gleich, noch überall heraus⸗ finden oder gar mit Händen haſſen und in Zahlen ausdrücken. Und ein ſo gutes Ge⸗ wiſſen mögen Wenige haben, daß ihnen die böſe Zeit nicht doch auch wieder wie eine Strafe und Zuchtruthe vorkommen ſollte. Wenn das Jeder auf ſich bezieht, ſo ſchadet's nicht beſonders viel. Manches auch mag im weiſeſten Hirn nicht immer ſein rechtes Plätzlein finden. Soviel hat aber gewiß ſchon Jeder, der merken will, merken können, aus unzähligen Beiſpielen der großen und kleinen Geſchichte, der gedruckten und ungedruckten, um gelegentlich ſein Haupt zu beugen und ohne ſeiner Ehre etwas zu ver⸗ geben, bei ſich zu denken: auch wenn ich's nicht begreife, iſt es doch gut ſo!Wer aber dieſen Glauben hat und feſt hält, Reich oder Arm, der beſitzt einen Vorrath, der ſelbſt über den längſten Wintermonat von Noth hinausreicht.