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Von böſen Zeiten. Ein Kapitel aus dem immerwährenden Kalender von Th. Meyer⸗Merian.
Wenn die Menſchen ſchon um Vieles beſſer ſind als die Sperlinge und Raben, die der himmliſche Vater doch auch ernährt, ſo verzagen gleichwohl gar Manche: ſie möchten vergeſſen ſein. Wie bewährt die Weisheit, wie wunderbar die Ord⸗ nung und wie unergründbar die Hilfsmittel alle, beim erſten Anlaß, den das kurze Geſicht nicht gleich bis an's Ende überſchaut, fürchten ſich die Kleingläubigen und meinen: da uͤberſehe es aber der liebe Gott doch gewiß! oder, er könne in dem Falle nicht helfen, ſie wüßten auch gar nicht wie? ſei ja dieſer Weg verſperrt und jener! Und ſie ruhen nicht mit hundert Wenn und Aber, bis ſie endlich wirklich da anlangen, wo man nur noch tröſten kann: nun, wenn alle Stricke reißen, dann wirſt du wenigſtens nicht gehängt!
Regnet's drei Tage hintereinander, ſo wird über die Näſſe gejammert: es faule und erſaufe Alles! ſcheint aber die Sonne eine Woche lang, dann muß Alles verbrennen,— und der Menſch mit ſeinem Fürchten und Zagen hat doch noch nie ein einziges Tröpflein Regen verhindert. Daß da Einer iſt, der am beſten die rechte Zeit kennt und weiß, was wir bedürfen, ohne daß es ihm der Haus und der Jakob zu ſagen brauchen, an das denken nur Wenige.
Und wenn dir der lange und harte Winter warm macht, trotz ſeiner Kälte, ſo laß dich vom alten erfahrnen Landmann belehren, wie unter der Schneedecke die Saat gleichmäßig und ſicher ſteht und nachher Nachfröſte weniger zu fuͤrchten ſind. Iſt es doch ein gar köſtlicher und bewährter Spruch, und nicht gegen den Froſt allein, daß ein Frühlingstag mehr aufthaut als ein Wintermonat frieren macht. Nicht minder wiegt die Bauernregel: dem härteſten Winter folge die geſegnetſte Ernte. Wie ſcharf und grimmig der Winter auftritt, ſein Heilmittel, der Schnee, hat ihm die göttliche Weisheit ja doch von vornherein hinten aufgepackt.
Dieß Alles vergißt aber der Kleinglaube, wie er vergißt, daß Gott Nieman⸗ den vergißt. Wer mit den rechten Augen ſieht, der wird Vieles, das Verderben ſcheint, als Segen erkennen. Manch armes Kind fror wohl im ſtrengen Winter und mehr als ein Weiblein wußte nicht, wo genug Reiſig zuſammenleſen oder Erd⸗ äpfel auftreiben! Die überreiche Raupenbrut erfror an den Bäumen zwar gleich⸗ wohl nicht, aber die Vögel, die ſo lange Feld und Wald verſchneit fanden, die machten ſich dafür um ſo eifriger über das Ungeziefer her und räumten damit auf, ſolche ſogar, die ſonſt keine Liebhaber von derlei Braten ſind. Der Froſt, die Näſſe im Frühling hat den erſten Kirſchen geſchadet und darüber jammert richtig alle Welt. Hingegen daß die Aepfel⸗ und Pflaumenbäume von den zudringlichen Mai⸗ käfern, die gerade ihr dreijähriges Jubiläum feiern wollten, bei der Gelegenheit be⸗ freit wurden, davon ſpricht Niemand..
Und ſo muß oft ein unſanfter Stoß kommen, welcher die Menſchen aus ihrer Trägheit und Stumpfheit aufrüttelt, ſie hinaustreibt dahin und dorthin, wohin ſie anders ihrer Lebtage nie gekommen wären und Andern bringen, was die nicht haben, und von ihnen dagegen empfangen, woran ſie Mangel leiden. Dadurch wird dann das Menſchenblut ein wenig untereinander geſchüttelt und der Hans erfährt bei dieſer Gelegenheit, der Jean gehöre im Grunde mit ihm zur gleichen Familie. Nicht nur Joſephs Brüder ſind um des Hungers willen nach Aegyptenland gezogen, das geſchieht noch tagtäglich und zwar weiter als nach Aegypten. Denn da dem Thurmbau zu Babel gilt der Rathſchluß: die Menſchen ſollen nicht beiſammen ſitzen bleiben! und Hunger und Kriege, Sturm und Waſſer müſſen gehorſam das Ihre zur Ausführung beitragen. Steht nicht ganz Amerika vor uns?
Wenn man bei Verheerungen den Schaden in ſo und ſo viel Millionen be⸗ rechnet, da vergißt man zu häufig nur, neben den Ausgaben auch die Einnahmen aufzufuͤhren und z. B. mit anzugeben, wie viele arme und fleißige Arbeiter durch die neuen Bauten von Paläſten und Dämmen ehrlich Brod für ſich und die Ihri⸗ gen haben gewinnen können; was doch in eine rechte Generalrechnung auch gehörte.


