Jahrgang 
1 (1858)
Einzelbild herunterladen

252

Sieh hier hin, Lieschen, ſagte mein Vater, deſſen Geſicht von Seligkeit ſtrahlte, ſiehe hier hin, und hole dir die Antwort ſelbſt.

Ich ſaß ſtarr da, in ihren Anblick völlig verſunken. Die Thränen aber rannen, mir unbemerkt, über die gebräunte Wange. Ich konnte nur meine Arme gegen ſie ausbreiten und

Doch lieber Herr Nachbar, Sie wiſſen, welch' eine zufriedene, glückliche Ehe ich mit Lieschen fuͤhre ſie iſt, wie ein ungetrübter Frühlingstag, voll Bluüthe und Freude geweſen bis heute, und vierzig Jahre ſind, bei einem ſolchen Bekenntniß, keine Kleinigkeit..

Und nun, gute Nacht Herr Nachbar, ſagte er, und ſtand auf. Ich drückte ihm für ſeine Erzählung dankbar, auf's Innigſte die Hand.

Er war geblieben, wie er droben unter der Eiche gelobt, und jenes heimath⸗ liche Gebetsläuten mit ſeiner wunderbaren Wirkung klang immer neu, in ſeinem Sinn und Leben, in ſeinem Hauſe und ſeiner Familie fort.

Appenzeller Witz. Von A. W. Grube.

Das Appenzeller Ländchen gehört zu den ſchönſten Kantonen der an Natur⸗ ſchönheit ſo reich geſegneten Schweiz. Es iſt, als wollte der am weiteſten nörd⸗ lich vorgeſchobene Alpenſtock, die Gruppe des Säntis, des alten Mannes und des Kamor noch einmal alles Schöne und Große, Maleriſche und Kühne zuſam⸗ menfaſſen; zackige Hörner und Spitzen, die auch im Sommer ihren weißen Schnee⸗ mantel nicht von ihren Schultern laſſen, ſchroff abfallende Felswände und dun⸗ kelgrüne Alpſeen in den Hochthälern, freundliche Hügelreihen mit hellgrünen Wieſen, fruchtbaren Obſtbäͤumen und ſchmucken Wohnhäuſern nach dem Rhein⸗ thal und Bodenſeebecken hin, und hier der Blick weithin geöffnet ins Schwaben⸗ land bis nach dem Schwarzwald, Alles ſo heiter, frei offen, ein ſchlagender Gegenſatz zum Bregenzer Walde, der nur auf den hohen Bergkuppen eine Aus⸗ ſicht auf das offene Land frei läßt. Wie der Säntis, der König des Bodenſees, ſtolz auf die weite Waſſerfläche herabſchauet, ſo blickt auch der Appenzeller mit einer gewiſſen Genugthuung von ſeinem höheren Standpunkte insNiederland, wie er die Feld⸗ und Riedfluren am Bodenſee nennt. In früheren Zeiten iſt er oft genug in dieſes Niederland wie eine zerſchmetternde Lawine hinabgebnauſt, um das mit dem Abte von St. Gallen verbündete Rheinthal, Bregenz und die ſchwäbiſche Ritterſchaft zu bekämpfen und den unter dem Joch der Lehnsherr⸗ lichkeit gebeugten Städten mit Gewalt die Freiheit zu bringen.

AmStoß, der ſteilen Bergwand hinter Altſtetten, haben die Appenzeller, wie vormals die Spartaner an den Termopylen, gekämpft, aber ſieghaft unter ihrem Leonidas, dem Grafen von Werdenberg, der, ein erbitterter Feind des

erzogs Friedrich von Oeſterreich, ſich an ihre Spitze geſtellt hatte. Gleich den alten Spartanern verſtanden ſie ſich ebenſo gut darauf, mit dem Schwerdt wie mit kurzer treffender Rede drein zu ſchlagen, ſo daß auch ihre witzigen Ant⸗ worten ſeit langem ſprichwörtlich geworden ſind. Gegenwärtig, wo Außer⸗Rho⸗ den, die eine Hälfte des Kantons, ſich ganz der Fabrikinduſtrie hingegeben hat, während Inner⸗Rhoden, im Beſitz der Alpen, der Alpwirthſchaft obliegt, hat ſich das alte kriegeriſche Feuer ſehr gemäßigt; doch ſowohl die ärmeren katholiſchen Inner⸗Rhoder, wie die erwerbsluſtigeren proteſtantiſchen Außer⸗Rhoder haben ihr vfaſtes Temperament keineswegs eingebüßt; ſie ſind noch immer die luſtigſten Geſellſchafter, die beſten Sänger, die lärmendſten Zecher, und die alte Raufluſt bricht hier und da noch wie ein unter der Aſche glimmendes Feuer hervor. Unter allen Schweizern machen ſie am wenigſten Umſtände; treten ſie in die Stube des Herrn Pfarrers oder Herrn Landammanns, ſo nehmen ſie gleich ſelber ſich einen Stuhl zum Sitzen und ſagen auch wohl erſtguten Tag, wenn ſie Platz