Jahrgang 
1 (1858)
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in dieſem Augenblicke läutete die Gebetsglocke vom Kirchthurme und ihr trauter Klang wurde heraufgetragen zu der Höhe, wo ich ſaß.

Herr, ich kann heute, nach vielen, vielen Jahren noch keine Worte fin den, welche den unausſprechlichen Eindruck wiedergeben könnten, den dieſer Klang auf meine Seele ausübte.

Die Mütze vom Kopfe reißen, auf meine Kniee niederſinken und: Herr, Herr, ſei mir Sünder gnädig! ausrufen, das war Eins; aber daran reihete ſich ein thränenbegleitetes Bekenntniß voll Reue, voll Scham und ein Gelöbniß heimzukehren wie zur örtlichen Heimath, zur himmliſchen, zum Herrn; wieder zu werden, wie ich als Kind war und gut zu machen ſo Vieles, was zentnerſchwer auf der Bruſt lag.

Es war dunkel geworden und ich wußte es nicht. Ich lag noch auf meinen Knieen im Gebete, im Reden mit meinem Gotte, den ich ſo lange vergeſſen und verſäumt, und meine Thränen floſſen in heißem Erguſſe.

Endlich tauchten die Lichter drunten im Dorfe auf.

Ich erhob mich. Ich fühlte, dieß Gebetsläuten war das Einläuten eines neuen Lebens, das Grabgeläute der Vergangenheit, das Sonntagsgeläute einer geiſtigen Auferſtehung. Die Mühlen Gottes hatten ihr Mahlen vollendet; die Kleie war geſchieden vom reinen Kerne und ſeinem Mehle.

In wenigen Minuten war ich unten im Dorfe und ſtand vor dem Vater⸗ hauſe und die Bruſt arbeitete keuchend. Ich mußte mich ſammeln, ehe ich mit Gott einen Blick in die erleuchtete, kleine Stube, durch die hellen Scheiben werfen konnte, die der Mutter reinliche Beſorgtheit immer ſo klar hielt. Jetzt that ich den Blick und noch einmal bog ich meine Kniee und betete: Herr, ich bin nicht werth aller Barmherzigkeit und Treue, die du an mir gethan haſt! Denn da ſaßen ſie um die dampfende Schüſſel voll Kartoffeln der Vater und die Mutter, noch immer rüſtig und friſch, und die Schweſter, die eine ſchöne, blüͤhende Jungfrau geworden war, mit dem Stempel der jungfräulichen Seelen⸗ reinheit auf dem Antlitze und ſie betete: Komm Herr Jeſu und ſei unſer Gaſt, und ſegne uns, was du uns beſcheret haſt! Eine Sekunde ſpäter trat ich, bleich von allen den tiefen Erſchütterungen, die ich ſo ſchnell nach einander erlebt, in die Stube.

Aufblicken, und ausrufen: Mein Sohn! Mein Sohn! Das war eins bei der Mutter.

Laſſen Sie uns ſchweigen von dem, was folgte. Heute noch erſchüttert es meine Seele in ihren innerſten Fugen! ſagte Veit und wiſchte ſich die hellen Thränen aus den Augen. Nach einer Weile fuhr er fort: O, wie iſt die Aeltern⸗ liebe ſo reich, ſo groß, ſo tief! Kein Vorwurf kam über die Lippen. Nur die Liebe feierte ihre ſchönſten, geſegnetſten Augenblicke.

Die Mutter wollte nun ſchnell noch in die Küche, um Etwas, die Freude bezeichnendes, dem Mahle hinzuzuthun. Der verlorene Sohn war ja heim⸗ gekehrt! Ja, er war heimgekehrt und ich fühlte es tief in meiner Seele, es war droben im Himmel Freude bei den Engeln Gottes, wie hier bei den glücklichen Men⸗ ſchen über die doppelte Heimkehr.

Ich hielt ſie zurück und einige Kartoffeln und wagte nun erſt zu fragen: Was macht Lieschen?

Die Schweſter lächelte.

Warte noch ein Bischen, lieber Jakob, ſagte ſie, dann ſparen wir alle die Antwort, und die, die du dann empfängſt, iſt beſſer als die unſrige!

Sie hatte kaum ausgeredet, da wurde die Thür haſtig aufgeriſſen, und Lies⸗ chen, blühend wie die friſche Roſe, um Vieles ſchöner, als ich ſie verlaſſen, trat haſtig in's Stüͤbchen.

Was iſt denn zu thun, fragte ſie angſtvoll, ich habe ja die Mutter ſo heftig rufen hören: Mein Sohn! mein Sohn!