— 250—
Heimgeſchrieben aber hatte ich— nicht!— Soll ich's bekennen, ſo war es eine tiefgefühlte Scham und Scheu, die mich zurückhielt. Ich dachte: Du kommſt als tüchtiger Küfer heim und dann iſt Alles gut.
Damit beruhigte ich mich und blieb; aber ich arbeitete Tag und Nacht, wie ein Feind bei einer belagerten Stadt. Ich gehorchte in Allem meinem wunder⸗ lichen Meiſter, der überdieß im Handwerk ein Splitterrichter war und den kleinſten Fehler, die unbedeutendſte Leichtfertigkeit im Nu entdeckte und unerbittlich zu än⸗ dern und zu verbeſſern zwang; ich fuͤhrte mich gut auf. Das war Alles. Dafür war ich in anderthalb Jahren ſo weit, daß ich ſagen konnte, ich ſei ein gewür⸗ felter, geriebener Küfer.
Lieber Herr Nachbar, es iſt ein Sprüchwort, aber auch ein Wahrwort, das: Gottes Mühlen mahlen langſam, aber rein. Seit der treue Schwabe zu mir gekommen war, hatten Gottes Mühlen in mir angefangen zu mahlen.—
Sein mit dem tiefſten Gefühle, oft mit Thränen ausgeſprochenes„Dahaim“ klang mir leiſe in der Seele fort und immer lauter vernahm ich es, immer we⸗ niger konnte ich ihm Widerſtand leiſten. Mein Meiſter merkte das wohl. Er verlor mich ſehr ungerne, denn er ſagte ſelbſt, einen Geſellen, der ſo habe ſchweigen können, wie ich, habe er noch nie gehabt, und ſo Einen müſſe er ha⸗ ben, weil er ein Brauſekopf ſei. Das war reine Wahrheit, und ich hatte gleich von Vornherein eingeſehen, was hier beſonders Noth that, und nich ritterlich darin geübt. Er gab ſich alle Mühe; erhöhte meinen Lohn— ja er ließ mich in nicht allzuweiter Ferne ſein liebliches Töchterlein als meine Frau, ſein blü⸗ hendes Geſchäft als das Meine erblicken; aber— Gottes Mühlen mahlen langſam, aber rein, das heißt, gründlich und fein, daß kein Körnlein unzermalmt bleibt und ſich die Kleie vom Mehle ſauber ſcheidet.—
Ich mußte heim, wie es auch komme.
Jakob, ſagte der Meiſter, als er mir beim Abſchiede die Hand drückte, was ich dir geſagt habe, iſt nicht in den blauen Nebel geredet. Geh in Gottes Na⸗ men heim; aber glückt dir's etwa nicht oder findeſt du nicht Alles nach deinen Gedanken und Wünſchen, ſo komme morgen oder in einem Jahre wieder, und du ſollſt erfahren, ſofern ich noch lebe, daß das alte Sprüchwort: Ein Wort, ein Wort, ein Mann, ein Mann! noch eine Wahrheit iſt.
Ich ging, weil Gottes Mühlen immer raſcher in mir zu mahlen begannen.—
Ich nahm einen andern, weil nähern, Weg, als den durch das Rheinthal hinab und ſeitwärts dann in's heimiſche Thal— ich ging über das Gebirge,— und ſchnitt, von Mainz aus, einen mächtigen Winkel ab.
Da droben auf dem Berge, der unſer Thal gegen Süden begrenzt, ſehen Sie die hohe, alte, ehrwürdige Eiche. Sie ſteht hart neben dem Wege, der von droben herab in's Thal führt. Man überblickt da, wie Sie wiſſen, das ganze Thal der Länge nach; man ſieht jedes Haus, die Kirche auf dem Hügel im Thale— das ganze Dorf.
Ich war ſehr ermüdet und von der Sommertages Hitze ermattet, als ich die Eiche erreichte und in's Thal blickte.— Gottes Muͤhlen mahlten raſch in meinem Innern.—
Eine Frau ging vorüber. Sie trug eine ſchwere Bürde Klee. Ich kannte ſie genau. Sie aber mich nicht. Sie grüßte und ging vorüber.—
Ich wollte fragen: Leben meine Aeltern noch? Lebt— Lieschen noch?— Aber die Kehle war mir zugeſchnürt. Ich konnte kaum ihren Gruß dankend, wie es Sitte iſt, erwiedern.
Ich war wieder alleine. Drunten lag das ſtille friedliche Dorf. Dort die Kirche. Drum herum die Gräber.— Vielleicht— doch ich konnte den Gedanken
nicht ausdenken, denn, ohne daß ich es in meinem Gedankenbrüten bemerkt, war
die Sonne hinter den Gipfeln der bewaldeten Höhen hinabgeſunken. Der leichte, wunderbare Schleier von feinem Abendnebel legte ſich über das tiefe Thal und
2


