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Aber die Schule der Soldaten Napoleons, vollends die in Spanien, wo Rauben und Morden das Tagewerk war, lieber Herr Nachbar, ſie war entſetzlich! Wollte Gott, ich könnte dieſe zwei Jahre aus meinem Leben vertilgen, ich wollte die Kugel ſegnen, die mich am rechten Beine ein Weniges hinkend machte!
Was ſollte ich nun, da ich meinen Abſchied hatte, machen? Heimkehren und Küfer werden, was ich ſtreng genommen nicht einmal verſtand, und ein Pfuſcher mein Leben bleiben, wie der alte Ulrich weiland? Nein, dagegen bäumte ſich mein Hochmuth.
Damals waren in Frankreich die Arbeitskräfte rar, denn Napoleon ſchleppte die blühende Jugend, die Hoffnung des Landes, auf ſeine Schlachtfelder und ließ nur Invalide heimkehren. Da war denn ſo Einer wie ich, der jung war und hanthiren konnte, ein ſeltener Vogel. Daß er mit dem rechten Fuße kein Schnelläufer werden konnte, und keinen Kontertanz tanzen konnte, war zwar unangenehm, aber ſchadete Nichts. Ja, in Summa, bei einem Kufer in Epernai fand ich Arbeit oder, daß ich es beſſer ſage, Unterricht im Handwerk. So wenig ich auch verſtand, er überſah Alles, um nur Hülfe zu bekommen, und das Einzige, wozu ich ſcheel ſah, war das, daß mein Lohn dünne ausfiel. Etliche Jahre blieb ich hier und in Rheims.
Hatte ich im Meiſterhauſe und bei der Armee in Spanien eine gute Lehrzeit in der Gottesvergeſſenheit beſtanden, ſo hatte ich ſie nun auch in franzöſiſcher Leichtfertigkeit durchgemacht und war darin raſch zünftig und Meiſter geworden.
Lieber Herr Nachbar, aller Segen des frommen Vaterhauſes war gewichen! Ob ganz— das wird der Erfolg lehren.
Ich weiß nicht, wie es kam, aber einmal begegnete mir ein Deutſcher in Lyon. Wie ihn der Sturm dahin verſchlagen, weiß ich nicht; aber es war ein grundbraver Würtemberger, die ehrlichſte ſchwäbiſche Natur, die es geben konnte. Er hatte das Heimweh und trachtete nur wieder„haim“ zu kommen, wie er ſagte. Wie es anſteckende Leibeskrankheiten gibt, ſo gibt's auch ſolche des Ge⸗ muüͤths. Mein deutſches Gemüth war noch nicht ruinirt und des Schwaben Gemüthsleiden ſteckte mich an. Er ſprach mir von„dahaim“ und dort war ſein Paradies, ſein Himmel. Da tauchte aus vem trüben Nebel der Gegenwart ein Bild der Vergangenheit nach dem andern auf. Das Vaterhaus mit ſeiner hei⸗ ligen Sitte und ſeinem Frieden; meine Jugend mit ihren harmloſen Freuden; Lieschen meine erſte Liebe, dieß milde, liebliche Weſen, das ich vergeſſen hatte; die Alten mit ihrer reichen, treuen Liebe, ihrer glücklichen, weil ſchuldloſen und zufriedenen Armuth— ich ſage Ihnen— eine unhörbare Gebetsglocke mit ihren wehmüthigen Tönen klang mir im Gemüth. Ich hatte ſeit faſt zwei Jahren nicht mehr heim geſchrieben— das fiel mir auf die Seele— kurz, ehe ich mich's verſah, hatte ich das Heimweh, wie mein Freund, der treue Schwabe und auf Einen Tag ſchritten wir bei Kehl über den Rhein und ſchüttelten den Staub von Frankreichs Erde von den Füßen. Hätte ich damit Alles abſchütteln können! Was ich in dem Einen Jahre im Handwerk gewonnen hatte, war nicht weit her. Ich hatte großentheils Kellerarbeit gehabt, Abſtechen, Flaſchenfüllen und Derartiges. An ein tüchtiges Fäſſermachen, eines Küfers ächte Probe, daran war ich nicht gekommen.
So ſagte mir mein Gewiſſen, daß ich zum eigenen Betriebe des Handwerks die Reife noch nicht habe.
Mein Weg, der Heimat zu, führte durch die ſogenannte„Bergſtraße.“ Dort iſt Weinbau, Weinhandel und alſo finden ſich Küfer. So ſchloß ich und in Bensheim an der Bergſtraße fand ich einen tüchtigen Meiſter. Ein Engel war er nicht. Trinken, fluchen und haſeliren— das verſtand er meiſterlich; aber auch ſein Handwerk, und das aus dem Fundamente. Halt aus bei dem! ſagte ich zu mir. Da kannſt du Etwas lernen! So machte ich's und blieb bei ihm
anderthalb Jahre.


