Jahrgang 
1 (1858)
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Die Abendglocke läutet, ſagte er darauf erregt. Wie wenige unter uns

kennen noch den Namen: Die Gebetsglocke! Und doch hat uns einſt im Re⸗ ligionsunterricht unſer Geiſtlicher geſagt, die Mahnung an das Abendgebet ſei die urſprüngliche, kirchlich chriſtliche Bedeutung des Abendläutens.

Ich nickte bejahend.

Herr Nachbar, ſagte er darauf, ich weiß nicht, ob Sie mein früheres Leben kennen?

Ich mußte das verneinen.

Nun dann, und es iſt mir jetzt grade ſo, als müßte ich davon reden, will ich Ihnen eine Begebenheit daraus mittheilen, die mit dem Gebetsläuten in der engſten Berührung ſteht. 1

Ich war, fuhr er fort, braver, frommer Altern Kind, auferzogen in frommer häuslicher Sitte. In den Kreis dieſer Sitte gehörte es, daß wenn die Abend⸗ oder Gebetsglocke läutete, wir alle im Hauſe die Arbeit ruhen ließen und ein ſtilles Gebet ſprachen. Das war Etwas ſo feierlich Ernſtes und Rührendes, daß ich daran mit wahrer Erbauung zurückdenke. Es war, wie wenn des Herrn Stimme an unſer Herz ergangen wäre, der zu gehorchen, Alles weichen mußte. In einigen Jahren ſollte ich zu einem Meiſter kommen, um ein Handwerk zu erlernen. Unſere Thalleute, damals wie jetzt, lebten vom Weinbau, und der einzige Küfer im Dorfe war kein gelernter und gewanderter Küfer, ſondern Einer, der es ſo aus der Fauſt trieb. Der Zunftzwang hatte ja längſt aufgehört.

Höre Jacob, ſagte mein Vater zu mir, du biſt ein ſtarker Junge und kein Handwerk hat hier im Dorfe beſſere Ausſicht, als das eines Küfers; wie wär's, wenn du ein Küfer würdeſt? Das ſtand mir an. Sohbald ich die Schule hinter mir hätte und konfirmirt wäre, ſollte ich in ein Dorf am Ufer des Rheines, wo ein ſehr geſchickter Küfer wohnte. Indeſſen ging das nicht ſo leicht, weil es meinem Vater, der ein armer Mann war, ſchwer wurde, das Lehrgeld aufzu⸗ bringen. Es wäre aber Zeit für mich geweſen. Wir beriethen in der Däm⸗ merſtunde, die dem Gebetsläuten folgt, und wir wurden einig, ich ſollte im Tage⸗ lohne, zu dem in der nahen Stadt, die vielen Weinbau trieb, Gelegenheit in Fülle war, mir das Lehrgeld verdienen.

Das war freilich ein weiter, aber doch ein zum Ziele führender Weg, und der Weinbergsarbeit kundig, jung, ſtark und fleißig, ging ich freudig daran, zumal Nachbars Lieschen, auch armer, aber ſehr braver Leute Kind, zum Binden und Heften der Reben allemal in zwei Zeitabſchnitten im Zuge noch anderer Jünglinge und Mädchen mitging. Wir hatten uns lieb ſeit den Kinderjahren und unſere Herzen wuchſen in dieſer Zeit ſo feſt zuſammen, daß ich und Lieschen uns gelobten, einander treu zu bleiben und uns einmal, ſo es der Herr geſegnete, zu heirathen. Zwei Jahre war ich ſo im Sommer in den Tagelohn in den Weinbergen gegangen und im Winter hatte ich in einem Steinbruche, der in einem Grundſtuͤcke meines Vaters lag, Steine gebrochen und aufgeſchichtet und ſie dann im Frühlinge verkauft. Immer war mein Verdienſt treulich von der Mutter aufbewahrt worden, und als ich mein ſiebzehntes Jahr antrat, war die Summe des Lehrgeldes nicht nur voll, ſondern ich konnte aus dem Erlös der im letzten Winter gebrochenen Steine mir ein tüchtiges ledernes Schurzfell mit gelber Schnalle kaufen, wie es die Küfer tragen, und noch ein neues Tuch⸗ wamms.

Nun war Polen auf, wie wir ſprichwörtlich ſagen, und ich trat in die Lehre. Der Herr hatte mir, was man ſo einen offenen Kopf nennt, gegeben, ich begriff raſch und hatte Geſchick und Anſtelligkeit; aber nach zweien Lehrjahren mußte ich der Trommel folgen. Der Napoleon ſpaßte nicht, das wußten wir Alle. Das Scheiden that unendlich wehe, aber ich mußte fort. Was half da Alles Weinen? Vom Depot in Boulogne in Frankreich kam ich nach Spanien in den blutigen Kampf, den ein tapferes Volk gegen ſeinen Unterdrücker führte, und eine Kugel derBrigands, wie die Franzoſen die Spanier nannten, traf