Jahrgang 
1 (1858)
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Endlich am äußerſten Waldſaum lichten ſich die Reihen, die Letzten ſind's; ſie kommen näher und näher, doch Philipp iſt nicht unter ihnen.

Ein unſäglicher Schmerz zuckt durch ihre Seele, der Schmerz getäuſchter Hoffnung. Aber nicht lange währt dieſer troſtloſe Zuſtand. Von neuem ſchlägt fernes Waffengetöſe an ihr Ohr, und als ſie die Landſtraße hinunterſchaut regt ſich mit leiſen Schwingen noch einmal die Hoffnung in ihr, denn in der That reihen ſich da Wagen an Wagen und wieder blitzen Waffen im Sonnenſtrahl.

Dooch als ſie näher kommen, welche entſetzliche Täuſchung! Hunderte von Krankenwagen ſind's mit ſchwer Verwundeten und gräßlich verſtümmelten drauf, deren fahle Geſichter, hohle Augen und klägliches Wimmern alle Gräuel und Schrecken des Krieges bloß und offen darlegten und Annemariens Herz mit Jammer und Entſetzen erfüllten.

Und noch nicht genug Leides für das gequälte arme Mädchenherz, hält eben einer der Wagen vor der Grabenmühle ſtill und die Hand des Todes ſcheint erdrückend auf ihr zu liegen, da ihr Blick auf den verwundeten, todt⸗ bleichen Philipp fällt.

Mit einem gellenden Schrei, der durch Haus und Hof dringt, läuft ſie die Treppe hinunter, aber dennoch in dieſem fürchterlichen Augenblick von ihrer Beſonnenheit nicht ganz verlaſſen, wirft ſie ſchnell Betten auf's Kanapee und in der andern Minute ſchon befindet ſich der verwundete Philipp unter ihren pflegenden Händen, und all' ihre Furcht, aber auch ein Strahl der Hoffnung drängt ſich in den einen und einzigen Gedanken zuſammen:Herr, erbarme dich! Herr, wende dein gnadenvolles Antlitz wieder zu uns! Herr, laß' uns nicht zu Schanden werden!

Und Er half auch, der ſo inbrünſtig angerufene Herrgott, der den Seinen grade da am nächſten iſt, wenn ihnen die Noth am größten dünkt.

Philipps Wunde im Oberarm war nur eine Fleiſchwunde, die der bald erſchienene Hausarzt für nicht gefährlich erklärte. Nur der bedeutende Blut⸗ verluſt und der ſchlechte Verband irgend eines fahrläſſigen Feldſcheerers hatten den ſonſt ſo kräftigen Körper des jungen Mannes etwas heruntergebracht.

Unter Gottes fernerem gnädigen Beiſtand und gepflegt von einer treuliebenden Mutter und Braut ging Philipp ſchon in den nächſten Tagen ſeiner Beſſerung und Geneſung entgegen.

VIII.

Siehedas Alte iſt vergangen, es iſt Alles neu geworden!

Am Sterbelager Broſemanns finden wir die ganze Familie in treuer Liebe und tiefer Wehmuth verſammelt, denn das Sterben verſöhnt und der Tod verklärt.

Wie geſagt, es geht zur Neige mit dem alten Mann, dem aber der all⸗ barmherzige Vater im Himmel noch am Rande des Grabes die Augen geöffnet, auf daß er ſchaue all' das ſüße Glück und den reichen Segen der Liebe.

Aber kein Sterben iſt's, wie das kalte Wort der Menſchen gemeinhin ven Abſchied vom Leben bezeichnet, ſondern ein allmäliges ſüßes Einſchlummern zum ſeligen Erwachen drüben. Und kein Todesweh zuckt in den Fibern, kein letzter heißer Schmerz durchwühlt, tiefe Furchen ziehend, das Antlitz, ſondern ſtill und ruhig liegt er da und um das ſchon halbgebrochene Auge zuckt ein Strahl ſeliger Freude.

Mit gefalteten Händen und angehaltenem Athem lauſchen die Graben⸗ müllerin und Annemarie auf den einſchlummernden Vater, indeſſen Philipps heiße Schmerzensthränen unaufhaltſam dahin fließen, denn jetzt, jetzt ſcheint's zu Ende gehen zu wollen.

Doch nein noch einmal regt ſich der Kranke und ſchlägt mit großer An⸗ ſtrengung das Auge auf, das beredt, liebend und ſegnend auf Philipp und