Jahrgang 
1 (1858)
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ihr durch die Seele ging, theils vor banger Furcht, theils vor heiliger Freude, ruheten des Kranken Augen lange, lange auf dem erbebenden Mädchen, gleichſam um das ſchöne Bild feſtzuhalten und in die Seele aufzunehmen, das ſich ihm darbot. Dann aber ſuchte er haſtig nach ihrer Hand, und ſie feſt in die ſeine ſchließend, ſprach er mit ſchwacher Stimme:Annemarie, nicht wahr, du biſt's? Ja, ja, du biſt's! Mädchen, Engel, kannſt du mir all' das namenloſe Elend vergeben, das ich dir zugefügt habe? O ſprich, ſprich doch und ſtille die Qualen, die bisher meine Seele gepeinigt! Willſt du, willſt du?

Und anſtatt jeder Antwort ſank die Arme auf's Knie und lehnte den Kopf gegen die Kiſſen. Und Broſemanns Arme umſchlangen ſie, ſo feſt, ſo innig, wie es ſeine wenigen Kräfte nur zuließen, und von ſeinen Lippen bebte das ſchöne, heilige Wort des Friedens und der verſöhnenden Liebe:Gott ſegne dich, meine Tochter und ihn meinen und deinen Philipp!

Ermattet von der gewaltigen Aufregung, fiel der alte Mann wieder in's Kiſſen zurück, aber auch da noch bebte von ſeinen zitternden Lippen das:Gott ſegne dich, meine Tochter! bis ihn wieder ein feſter Schlaf umfing.

Annemarie aber ſchlich auf den Zehen zum Erkerſtübchen hinaus, nach dem Garten hinunter, um das übervolle Herz mit ſeiner namenloſen Freude aus⸗ zuſchütten in den Schooß Gottes, deſſen erbarmende Liebe ſie jetzt ſo reich eſegnet. geſ gnd ſie mußte lange, lange mit ihrem himmliſchen Vater geſprochen haben, denn als ſie ſich wieder von den Knieen erhob, dämmerte roſig der Morgen in's Thal und in ihr wiederholtes freudigesAmen! Amen! miſchten ſich die Frühglocken und der Vögel Geſang und Gezwitſcher.

Eben im Begriff wieder in's Haus zu gehen und der villeicht ſchon wachen Mutter all' das Vorgefallene mitzutheilen, drang durch die tiefe Morgenſtille fernes Geräuſch an ihr Ohr. Sie lauſcht geſpannt auf. Wie Pferdegetrappel und dumpfe, verworrene Menſchenſtimmen klingt's und immer näher und näher ſcheint's zu kommen. Bange Ahnungen erfüllen ſie, die urplötzlich Zuſammenhang mit der Nachricht über die letzte Schlacht erhalten. Um Gewißheit darüber zu erlangen, ſteigt ſie ſchnell wieder die Treppe hinauf, um von einer Bodenluke aus die eigentliche Urſache zu erſpähen.

Und was ſieht ſie? Soldaten, ſo weit ihr ſcharfes Auge trägt, nichts als Soldaten, deren blitzende Waffen in den goldigen Sonnenſtrahlen funkeln; ein Theil der preußiſchen und ruſſiſchen Armee im geordneten Rückzug vom Schlacht⸗ felde her, der Elbe zu.

Anfangs wollte ſie fliehen und das große Ereigniß den Bewohnern des Hauſes verkündigen, doch umſonſt, es ging nicht; wie angewurzelt ſtand ſie da und harrte der Dinge, die da kommen olllen.

Die mannigfachſten Gefuhle ergriffen ſie; eine ſtille Wehmuth und Trauer über den Rückzug der Verbündeten und wieder Hoffnung und Erwartung, daß ſich vielleicht Philipp unter den Tauſenden befinden könne. Das aufgeregte, treuliebende Mädchenherz malte ſich das kurze Wiederſehen des Theuern, das ſchöne Verſöhnungsfeſt am Krankenlager des Vaters mit den roſigſten Farben aus.

Und Bataillone auf Bataillone, Reiterei und Fußvolk, ergrauete Krieger und blutjunge Freiwillige zogen ſchweigend an ihr voruͤber. Und obgleich das ſcharfe Auge der Liebe die geſchloſſenen Reihen rechts und links durchflog, ihren Philipp gewahrte ſie nicht..

Und Stunde auf Stunde verging und noch immer nicht ſchien der gewaltige Menſchenſtrom ein Ende nehmen zu wollen.

Von dem langen und anſtrengenden Hinſtarren flimmert und flirrt es ihr vor den Augen; unten bedarf man ihrer, ſie weiß es; ja man ruft ſie, doch nur für das Eine hat ſie Auge und Sinn, gilt ihr heute die Liebe höher als die Pflicht, und mit ſichtbarer Anſtrengung durchfliegt ihr Blick von Neuem die Reihen der Krieger.