Jahrgang 
1 (1858)
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Aber da kam ſie übel an bei Annemarien und die ſagte es ihr unumwunden heraus, daß ſte ſo etwas nicht leiden könne.

Weil gleich ſiedend Waſſer bei der Hand war, ging's mit dem Einrühren des Süppchens blitzſchnell, und Annemarie hatte die große Freude, daß die Kranke einige Löffel voll davon mit ſichtbarem Appetit genoß. Bald nachher lag ſie wieder in einem wohlthätigen Schlummer.

Als gegen Mittag der Doktor in's Haus kam und ihm nun alle die guten Anzeichen im Betreff der Kranken überbracht wurden und er dann prüfend an ihrem Lager ſtand, meinte er ſeelenvergnügt:Für diesmal denke ich mit Gottes Huͤlfe die brave Frau durchzubringen. Aber nur noch Ruhe und Pflege. Natürlich war das eine Freudenbotſchaft für Annemarie, und Dankesworte ſtiegen dafür aus ihrem Herzen zu Gott hinauf.

Mit dem alten Grabenmüller aber ſtand's leider anders.

Obgleich die Krankheit nicht mit ihrer gewöhnlichen Stärke und Macht bei ihm aufgetreten war und ſich nach zeitweiligen Fieberphantaſien auch einzelne lichtere Augenblicke einſtellten, hatten ſich doch in den beiden letzten Tagen mancherlei andere übele Erſcheinungen und Zufälle gezeigt, daß der Arzt nicht ohne Grund einen bedenklichen Ausgang fürchtete.

Das kleine Erkerſtübchen oben war zur Krankenſtube eingerichtet worden, und da lag er nun, ohne ſich bisher einer beſonders guten und aufmerkſamen Pflege erfreut zu haben..

Als Annemarie noch denſelben Vormittag mit bang klopfendem Herzen die Treppe hinaufſtieg und an ſein Lager trat, fand ſie ihn mit geſchloſſenen Augen die Hände kreuzweis auf der Bettdecke ruhend, und ſeine todesbleichen Lippen bewegten ſich leiſe zu einem unverſtändlichen Selbſtgeſpräch.

Ein buntes Heer von Gedanken und Bildern kam über ſie; und ſo nahe plötzlich dem vor Kurzem noch ſo gefürchteten Mann und Vater ihres Philipp, war es ihr, als müßte ſich die hinſterbende Hülle vor ihrer Auflöſung noch ein⸗ mal zum allerletzten Kampf gegen ſie erheben und den ewig laſtenden Fluch und Weheruf ausſtoßen. Doch es blieb ſtill, ſtill wie im Grabe, und nur dann und wann knusperte ein Todtenkäfer in der morſchen Fenſterbrüſtung.

Mit der flachen Hand über die Stirn fahrend, als wollte ſie da drinnen alle die unſeligen Erinnerungen an eine traurige Vergangenheit verwiſchen, flog Annemariens Blick durch das Stübchen und über das Lager des Kranken weg, und freilich, da gab's für rührige und ordnende Mädchenhände Biel zu thun.

Ihr erſtes Geſchäft war dem Kranken die Kiſſen zurecht zu rücken, um ihn dadurch in eine mehr ſitzende Lage zu bringen; dann das zuſammen geknitterte Leintuch wieder zu glätten und das Deckbett gehörig aufzulockern.

Bei dieſer Handthierung kam ſie in unmittelbare Berührung mit dem alten Mann, der wie ein hülfloſes Kind in ihren Armen hing und nicht einmal die Kraft hatte, die Augen aufzuſchlagen. Aber fühlen mußte er die genoſſene Wohlthat und ahnen die Hülfe einer barmherzigen Seele, denn als er wieder zurück in die Kiſſen ſank und eine wohlthuende Bettwärme den gebrechlichen Körper durchdrang, tappte ſeine rechte Hand ſuchend nach der Pflegerin, bis ſie auf das Haupt Annemariens zu liegen kam, die neben ſeinem Bette ſprachlos auf den Knieen lag, aber das Herz voll von ſeliger Freude.

Erſt nach einer⸗ganzen Weile erhob ſich das Mädchen wieder und räumte im Stübchen auf und öffnete ein Fenſter, um reine, friſche Luft hereinzulaſſen und war beſchäftigt gleich einer ſorgenden Hausfrau.

Da plötzlich regte ſich der alte Mann wieder im Bett und richtete ſich mit einer nicht zu erwartenden Leichtigkeit auf und ſein ſtarrer wilder Blick flog forſchend durch das Stübchen. Seine Bruſt arbeitete mächtig, ſein Athem glühete, ſeine knochigen Hände ballten ſich, und mehr denn zehn Mal kreiſchte er auf: Verräther du, Schurke, fort, denn du haſt mir meine Kinder geſtohlen!