Jahrgang 
1 (1858)
Einzelbild herunterladen

1

241

gewaltet, öffnete ſie die Futterkammer, wo ſie die blanken Fruchtkörner in Huͤlle und Fülle vorfand, nahm eine Schürze voll auf und erfreute damit die Harrenden.

Hei, wie die pickten und ſchnabelten und dankbar gluckſten und ſchnatterten, denn ſie mochten wohl über das große Leid im Hauſe die letzten Tage vernach⸗ läſſigt worden ſein.

Unſere Annemarie aber war durch dieſen kleinen Auftritt ſchnell auf den Standpunkt gedrängt worden, den ſie hier für die nächſte Zeit einnehmen ſollte, eine mitleidige Wärterin der Menſchen und des Viehes; und einmal in der Rolle, ging ſie behende der Küche zu, wo ſie die alte Taglöhnerfrau, wie bekannt, noch das einzige dienende Frauenzimmer auf der Grabenmühle, neben dem flackernden Heerdfeuer eingeſchlafen fand.

Die arme alte Frau! Faſt drei volle Wochen hatte ſie Tag und Nacht ruhelos am Krankenlager der Grabenmüllerin verlebt, und Annemarie, dies wohl erkennend, ſtörte ihren Schlummer nicht und vollendete rührig das hier begonnene Geſchäft des Kaffeekochens.

Aber dann litt es ſie nicht länger in der Küche, denn ganz wo anders war ihr eigentlicher Platz.

Klopfenden Herzens, mit angehalt'nem Athem und auf den äußerſten Fuß⸗ ſpitzen ging ſie durch die Wohnſtube in den Alkoven hinein, an das Bett der Schwerkranken.

Doch welch' ein freudiges Erſtaunen ergriff ſie hier, denn anſtatt die Kranke in wilden Fieberträumen und mit ſtarrem, verglaſtem Blick vorzufinden, wie ſie gefürchtet, lag dieſe in einem ruhigen und erquickenden Schlummer da.

Hätte Annemarie die ſchlafende Wärterin in der Küche draußen vorher ge⸗ weckt und ſich erſt nach dem Befinden der Kranken erkundigt, würde ihr das ganz natürlich vorgekommen ſein, was ihr jetzt wie ein Wunder Leuchte; denn uͤber Nacht, gerade mit dem einundzwanzigſten Tag, hatte ſich die Macht der Krankheit gebrochen und die Leidende ſchien nunmehr auf dem Wege der Ge⸗ nehi zu ſein.

ankend und preiſend die unendliche Gnade Gottes, deſſen ſtarke Hand vom gewiſſen Tode errettet, ſaß Annemarie in einem Winkel des Alkovens, das treue Auge unverwandt auf die ſüß Schlummernde gerichtet, und all das Zagen und Bangen um die Theuere, das noch vor wenigen Minuten mit Zentnerſchwere auf ihrer Seele gelegen, löſte ſich auf in das wonnige Gefühl neuer Hoff nung, neuen Lebens.

Und ein Viertelſtündchen nach dem andern flog dahin und ſchon läutete es im Dorfe zum erſten Male zur Kirche.

Da regte ſich die Kranke und ſchlug die Augen auf und blickte verwundert im Stübchen umher, und es kam ihr vor, als habe ſie einen langen, bitterböſen Traum geträumt. Dann aber fiel ihr Blick auf die treue Annemarie; und anſtatt ſich üͤber deren Hierſein zu wundern, oder gar zu erſchrecken, wie es doch leicht ein möglicher Fall hätte ſein können, ſtreckte ſie ihr die bleiche Hand ent⸗ gegen, die Annemarie mit Inbrunſt erfaßte und ſie mit heißen Küſſen bedeckte.

Hierauf bat die Grabenmüllerin mit ſchwacher Stimme um etwas Speiſe und im Nu war Annemarie zur Thür hinaus um ein Süppchen zu bereiten.

Unter der Küchenthür traf ſie auf die noch ſchlaftrunkene Wartefrau, die vor Schreck beinah' in's Knie geſunken wäre und alles in der Welt eher zu ſehen erwartet hätte, als Schulmeiſters Annemarie auf der Grabenmühle. Doch nach der Art vieler Dienſtboten ſchlau genug, und nur einen etwaigen Vortheil im Auge, betrachtete ſie das arme Waiſenkind ſchnell mit ganz andern Augen, nämlich: als Philipps Braut und zukünftige Grabenmüllerin und meinte ſich bei ihr einen Stein in's Brett zu ſetzen, wenn ſie auf den alten Broſemann recht ſchimpfe und läſtere. ¹

Die Maje. I. Jahrg. 16