Jahrgang 
1 (1858)
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jubelte ihre Lob⸗ und Danklieder in den jungen Morgen hinein, und ein Flug Feldtauben pickte emſig in dem friſchgeſäeten Erbſenfeld, um ſich dann, aufge⸗ ſchreckt durch das frühe Erſcheinen des Mädchens, wieder auf den nächſten Dach⸗ firſten zu ſammeln.

Hier und da wurde wohl auch ſchon ein Laden aufgeſtoßen oder ſonſt Je⸗ mand, der die Nacht am Bette eines Schwerkranken zugebracht hatte, lugte mit verwachtem Antlitz hinter den herabgelaſſenen Fenſtervorhängen, wohl herzensfroh, wieder das milde, heitere Licht des Tages begrüßen zu können.

Unwillkürlich verdoppelte Annemarie die Schritte, um nur erſt aus dem Bereich dieſes ſchweren Kreuzes und Leides zu kommen, das mit eiſernen Armen das Dörflein umfangen hielt..

Troſtreicher und herzerhebender war für ſie die neuerſtandene Mutter Erde, die mit ihren lachenden Feldern und blühenden Obſtbäumen, den duftigen Strauß vor der Bruſt, in ihrem erſten unausſprechlich ſüßen Zauber dalag, der in jeder Menſchenbruſt, mehr oder minder, ein Echo weckt.

Und noch dazu der Sonntagsmorgen, der Tag des Herrn! wo es uns in unſerer feſtlichen Stimmung deucht, als ſei da der Himmel blauer, ſeine Sonne goldiger, die Erde grüner und die Menſchen darauf beſſer; wo auch das Alltäg⸗ lichſte ein feſtliches Gewand zu tragen ſcheint und ſich im Allerkleinſten und Ge⸗ ringſten die Weihe des Tages ſpiegelt.

Mit jedem neuen Schritt erſchauete Annemarie neue Wunderwerke des Herrn; denn immer höher ſtieg das ſtrahlende Tagesgeſtirn, würziger duftete Flur und Feld, lauter und voller ſangen die Vögel, fröhlicher ſummten in den goldgelben Rübſenſtöcken die Bienen, und an den Grashalmen und Baumzweigen, an den ſproſſenden Hecken und Sträuchen hingen ſchimmernde Thauperlen, gleichſam die Freuden- und Dankesthränen des Geſchaffenen, dem Schöpfer

eweint.

3 In dieſem wonnigen Schauen, Fühlen und Sinnen war unſere Annemarie ein gut Stück Weges vorwärts gekommen, und wie von einer eiſigkalten Hant deriödtt fuhr ſie zuſammen, als ihr Blick auf die Grabenmühle traf, die vielleicht nur noch ein paar hundert Schritte weit von ihr lag. Vor ihren Augen flirrte und dunkelte es, ihu Füße wankten und nur mit großer Mühe erreichte ſie noch einen Baum am Wege, an den ſie ſich faſt ohnmächtig anlehnen mußte.

Und noch einmal, ſchon ſo nahe dem ſiegreichen Ziele traten Bedenken an ſie heran und lebendiger und ergreifender denn jemals trat der vorjährige Oſterabend mit allen ſeinen Qualen und erſchrecklichen Folgen vor ihre Seele, und es war ihr, als müßten ſich dort auf der Grabenmühle alle Thore und Thüren aufthun, und darunter der alte Broſemann mit ſeinen Helfershelfern erſcheinen, um die fremde Zudringliche mit Scheltworten und Peitſchenhieben von ſeinem Haus und Hof abzuhalten. Tief und ſchmerzlich fühlte ſie gerade jetzt die ungeheure Kluft zwiſchen ſich und dem ſteinreichen Mann da drüben.

Und ſchon im Begriff, eiligſt wieder umzukehren, regte ſich plötzlich der gute Engel wieder in ihrer Bruſt, und mit dem in ihr auftauchenden bleichen Schmer⸗ zensbilde der ſchwerkranken Grabenmüllerin, Philipps und ihrer Mutter kam die rechte Demuth wieder über ſie und die hochheilige Liebe, die nicht eifert und nicht das Ihre ſucht, die Alles trägt, Alles glaubt und Alles duldet!

Mit der ihr eignen Rührigkeit ſchritt ſie in Gottes Namen wacker fürbaß und ſchon in einigen Minuten ſtand ſie vor dem Seitenpförtchen des Gehöfts und im andern Augenblicke im Hofe der Grabenmühle, umgackert und umſchnat⸗ tert vom hungrigen Hühner⸗, Enten⸗ und Gänſevölkchen und ſelbſt der wachſame Hofhund ließ ſich durch ihr erſtes freundliches Wort zur NRuhe verweiſen.

Annemarie war in dieſer harmloſen Geſellſchaft, die an ihren wirthſchaft⸗ lichen Sinn und ihre Herzensgüte zu appelliren ſchien, plötzlich wie umgewandelt. Mit einer Ruhe und Sicherheit, als hätte ſie ſchon jahrelang hier geſchaltet und

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