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VII.
Schon ſeit dem Tode des alten Klaus herrſchte eine unheimliche Stimmung in Wiederode, die durch das ebenſo plötzliche wie ſchwere Erkranken der Graben⸗ müllerin, an demſelben Uebel, nur noch drückender wurde.
Was ſich Viele bisher immer noch auszureden geſucht und woran ſie nicht glaubten, weil ſie es nicht wünſchten, ſtand nun mit Einem Schlag feſt und un⸗ abänderlich da, zumal auch von Amtswegen bekannt gemacht wurde, daß das Lazarethfieber im Orte ausgebrochen ſei.
Eigentlich hätte es nur heißen ſollen:„auf der Grabenmühle“, denn im Dorfe wußte man bis jetzt noch nichts davon; konträr— der Geſundheits⸗ zuſtand ſeiner Bewohner war heuer ein viel beſſerer, als er es ſeit langer Zeit im Frühjahr geweſen. Die Superklugen unter den Wiederodern, die das Gras wachſen und die Spinnen huſten hörten, hatten deßhalb ſo ihre aparten Ge⸗ danken und meinten in ſtolzer Sicherheit: Man ſolle ſich nur nicht unnöthig angſtigen. Diesmal ſei es nur auf gewiſſe Leute abgeſehen; und an Schul⸗ meiſters Annemarien habe ſich der alte Grabenmüller ſchon längſt die Feuerhölle verdient u. ſ. w.—
Wem fällt da nicht unwillkürlich der Bibelſpruch bei, der von dem Splitter in des Bruders Augen und dem Balken in den eignen handelt? Aber Recht bekamen dieſe elenden Splitterrichter doch nicht, denn noch an demſelben Tage, als die Kunde durchs Dorf flog, daß nun auch der Grabenmüller das böſe Ner⸗ venfieber habe, brach das Uebel plötzlich auch am entgegengeſetzten Ende des Dorfes aus und zog die Gaſſen hinauf und herunter und forderte manches Opfer.—
Von der alten Butterhannlieſe erfuhr Annemarie den traurigen Zuſtand bei Grabenmüllers haarklein, und ſelbſt Schreiberdietrich konnte nicht umhin, bei Hübners noch denſelben Abend zu erzählen, welch' ein Jammer und Elend drüben bei Broſemanns herrſche, wie er ſelbſt aus Chriſtliebs Munde gehört haben wollte, und daß der Alte nicht leben und ſterben könne.
Und weil er nun einmal ſein wüſtes, unfläthiges Weſen und Geſchwätz nicht laſſen konnte, meinte er im Fortgehen noch zur Hübnerin:„Dem alten Filz geht's diesmal an die Leber; aber ſchon recht ſo; denn wie Einer ſich bettet, ſo ſchläft er!“— Ob's ihm aber mit dem faulen Geſchwätz Ernſt war? ſoll dahin geſtellt bleiben, ſintemal ihm die Braut ſammt Mitgift nach wie vor in der Naſe ſteckte und Grabenmüllers Tod einen Strich durch die Rechnung gezogen hätte.—
Annemarie war außer ſich über Broſemann's Schickſal. Mit den ſchwärzeſten Farben malte ſie ſich das Unglück der alten Leute von Anfang bis Ende aus und ſann und überlegte, wie hier zu lindern und zu helfen ſei,— bis dann endlich aus dieſen wirren Bildern, der bangen Sorge um die Leidenden, der Gedanke ſtieg: trotz aller erduldeten Unbill, Schmach und Schande hinüber auf die Grabenmühle zu eilen und den verlaſſenen Kranken Wartung, Pflege, Troſt und Rath angedeihen zu laſſen; ein Gedanke und Vorſatz, der nur in dem glaubensfriſchen und demuthsvollen Gemüth unſerer Annemarie aufſteigen und zur lebendigen That werden konnte.—
Es war zu Ende April, in der goldigen Frühe eines Sonntagsmorgens, als ſie, wunderbar geſtärkt im Herrn, den ſchweren Kreuz⸗ aber auch hochherr⸗ lichen Siegesgang antrat.
Um ſo viel wie möglich dem neugierigen Gefrage der Leute zu entgehen, ſchritt ſie durch das Kirchgäßchen, um auf einem entlegenen Feldwege nach der Grabenmühle zu kommen.
Still und friedlich lag das Dorf noch um ſie her, denn es war ja Sonntag, wo die Leute etwas länger als ſonſt ſchliefen, und von Einquartierung gab es auch ſeit ehegeſtern keine Spur mehr. Nur die Lerche war ſchon munter und


