Jahrgang 
1 (1858)
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hart wurde, wo er ſo gern liebevoll und zärtlich geweſen wäͤre, ſetzte er noch vorwurfsvoll hinzu:Der alte Klaus wäre bei der Hirtenlieſe eben ſo ſanft ge⸗ ſtorben wie bei uns, und Du hätteſt dann das entſetzliche Uebel nicht!

Was mein Gott will, geſcheh' all' Zeit, ſein Will' iſt doch der beſte! murmelte die Grabenmüllerin mit krampfhaft gefalteten Händen zwiſchen den todtbleichen, froſtzitternden Lippen hin, um gleich darauf beſinnungslos in die Kiſſen zu ſinken.

Ein furchtbares Nervenfieber brach aus, das in dem jahrelang geplagten und von den letzten böſen Nachtwachen aufgeriebenen Körper volle Nahrung fand; und oft gehörten mehrere handfeſte Leute dazu, um die im wildeſten Fieber Raſende im Bett zu halten.

Eine traurige, jammervolle Zeit brach für den Grabenmüller herein, deren Laſt ihn erdrücken zu wollen ſchien, und wie ein Schatten ſchwankte der vor Kurzem noch ſo rüſtige Mann in dem öde gewordenen Hauſe umher.

Wo ſonſt reges Leben und luſtiges Geklapper von früh bis ſpät zu ver⸗ nehmen war, herrſchte eine peinigende Stille. Die Mahlgäſte von nah und fern zogen mit Wagen und Karren goldener Fruchtkörner weiter ins Land hinein, zum Wieſenmüller, der von jeher ein rechter Broddieb und Neidhammel des Grabenmüllers geweſen war und nun aus deſſen Schickſal Gewinn zu ziehen wußte.

Desgleichen begann die Sommerſaatzeit. Doch da fehlte es an den nöthigen Menſchenkräften, allüberall und gern oder ungern mußte heuer ein Theil der Aecker unbeſtellt liegen bleiben und Diſteln und Quecken überzogen wuchernd die ſchönen Stücke.

Und bei dem allen Einquartirung über Einquartirung, Freunde und Finde die immermehr zu einem entſcheidenden Kampfe in Sachſen hinzudrängen chienen.

Ja, es waren Tage des tiefſten Elends, der bängſten Verzweiflung, die ſich für ihn zur furchtbaren Höhe ſteigerte, da eines Abends der Arzt erklärte: er habe nur wenig Hoffnung für die kranke Hausfrau, und er wolle nur wünſchen, daß ſich das böſe Lazarethfieber, einmal eingeniſtet, nicht noch mehr Opfer in dieſem Hauſe ſuche.

In Folge deſſen flüchteten die Knechte und Mägde treulos aus dem Peſt⸗ hauſe und nur der uns bekannte Chriſtlieb und eine alte Tagelöhnerfrau waren die einzigen, die noch Stich hielten.

Und zu dieſer äußern grenzenloſen Sorge und Noth für den Grabenmüller geſellte ſich dann auch eine, anfangs nur leiſe, mahnende Stimme aus der Seele geheimſten Tiefen heraus, die aber von Stunde zu Stunde an Macht gewann und dem abgehetzten alten Manne wie die ſchmetternde Poſaune des Weltge⸗ richts erklang.

Und dazwiſchen wieder, gleichſam zu recht ſchneidendem Spott und Hohn, zogen auch liebliche Bilder an ſeiner Seele vorüber: Geſundheit, Friede, Liebe und Segen im Bunde mit ſeiner braven Hausfrau, mit Widr und Anne⸗ marie! Dochzu ſpät, zu ſpät! murmelte er im tiefſten Schmerz vor ſich hin,denn ſie ſtirbt; ihn ſchießen ſie todt; und Annemarie haßt mich, flucht mir wohl gar!

Wenn er jetzt gewiſſe geſchehene Dinge hätte ungeſchehen machen können! Er kam ſich vor, wie ein aus dem Paradies Geſtoßener, mit dem Kains⸗ zeichen auf der Stirn, für den auch ſelbſt die Seligen nicht Bitte, Gebet und Fürbitte einlegten.

Natürlich, daß eine ſolch' gewaltige innerliche Aufregung die übelſten Folgen für den gebrechlichen Körper haben mußte; und als nach einigen Tagen der Arzt wieder erſchien, überraſchte es ihn nicht groß, daß auch der Grabenmüller am Nervenfieber darniederlag.