Jahrgang 
1 (1858)
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236 4 wohl keine Stunde der Nacht da, daß ſie nicht um ihn war und ſich bemühte, recht pünktlich und gewiſſenhaft den Anordnungen des Arztes nachzukommen.

Doch Alles umſonſt. In Gottes Rathſchluß war es anders beſchloſſen, die Henniheit ſtieg zuſehends und als der zehnte Tag kam war der alte Mann eine Leiche.

Als der Todte in ſtiller Morgenfrühe zur ewigen Ruhe gebracht worden war, bat die Grabenmüllerin ihren Ehemann, ſie doch heute mit dem Einſpänner nach der Stadt fahren zu laſſen, um Dies und Jenes drinnen in Ordnung zu brindgen und dann auch bei dem Steinmetzmeiſter ein Grabkreuz für Klaus zu eſtellen.

Zu jeder andern Zeit hätte der Grabenmüller dagegen Einwendungen ge⸗ macht, wie er denn überhaupt nicht viel von ſolchen Ertrafuhren hielt, weil in der Regel dabei nur Zeit und Geld verausgabt wurde; heute aber war er ganz einverſtanden damit. Das machte die eigenthümliche, weiche Stimmung, die ſo an Begräbnißtagen in Sterhehäuſern herrſcht, und der ſich ſelbſt der Graben⸗ müller heute nicht hatte entziehen können.

Mit einer eigenthümlichen Haſt ordnete die Müllerin ihren Anzug und ſtand ſchon lange reiſefertig da, unterdeſſen Chriſtlieb, der Großknecht, immer noch mit dem Aufzäumen und Anſchirren des Braunen zu thun hatte.

Es war ihr ganz apart zu Muthe, ſo war ihr faſt noch nie geweſen. Unruhig ging ſie hin und her, als ſtände ſie auf Kohlen, und es fehlte eben nicht viel, da hätte ſie ſelber mit Hand an das Geſchirr gelegt. Der Grabenmüller, der dies Haſten und Drängen merkte, fragte erſtaunt:Was haſt du denn in aller Welt heute? Und preſſirt's denn ſo? Eben iſt's Schlag Acht, und wenn du dich ſonſt drinnen ein bischen eileſt, könnt ihr leicht bis Mittag wieder heim ſein.

J freilich,'s iſt kindiſch von mir, ſprach die Müllerin,aber du glaubſt gar nicht, was mir das Blut wieder zu ſchaffen macht, und es wäre doch wohl beſſer geweſen, wenn ich heuer den Aderlaß nicht übergangen hätte. Von der friſchen Morgenluft hoffe ich noch das Beſte.

Na nu! meinte Chriſtlieb, nahm das Leitſeil in die Hand und ſchwang ſich dann behende auf den Vorderſitz des Wägelchens, auf dem er ſich gar ſtatt⸗ lich ausnahm, denn er hatte den Sonntagsrock angelegt, wie denn überhaupt ſo eine ſeparate Fahrt mit der Müllerin eine Ehrenſache für die Knechte war.

Im Nu ſaß auch die Hausfrau oben und ihr wiederholtes:Adjes Broſe⸗ mann! und deſſen Wunſch:Glückliche Fahrt! miſchte ſich mit Chriſtliebs ſchallenden Peitſchenſchlägen.

Es war ein wunderbarer Frühlingsmorgen, in den ſie hineinfuhren. Ihr Weg führte abwechſelnd durch aufſchießende Weizen⸗ und Roggenfelder und knos⸗ pende Obſtbaumalleen, und dazu tirilirte hoch oben die Lerche und in den Hecken und Sträuchen zu links und rechts zwitſcherten und ſangen Meiſe, Finke, Amſel und Weißkehlchen, daß es eine Art hatte.

Die Grabenmüllerin, die ſonſt ein offenes Auge und Ohr für die Allmachts⸗ wunder des lieben Herrgotts beſaß und bei ähnlichen Gelegenheiten immer mit einer ſinnigen Bemerkung und freundlicher Rede und Gegenrede bei der Hand eweſen war, war heutemaulfaul wie Chriſtlieb, verſtimmt darüber, in 30 hinein murmelnd meinte, und nur einige Mal gelang es ihm, das Geſpräch auf ein Weilchen in Gang zu bringen.

Kaum in der Stadt angelangt, ging ſie zuerſt in die Rathsapotheke, um die für Klaus gelieferte Medizin zu bezahlen und war herzlich froh, als ſie die Quittung darüber in der Hand hielt.S'iſt beſſer ſo! dachte ſie, beſonders da ſich die Rechnung höher ſtellte, als ſie gemeint,er iſt nun einmal ſo in Geldſachen, und um den Hausfrieden zu erhalten, will ich lieber einige Thaler aus meinem Beutel bezahlen.

Auch mit dem Doktor hätte ſie gar zu gern Abrechnung gehalten, leider aber war der nicht zu Hauſe, und deshalb ſtundenlang warten, ging auch nicht gut.

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