Jahrgang 
1 (1858)
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da Klaus ſchon ſeit Jahren dies Geſchäft faſt allein beſorgt hatte. Und dann noch, das Aergſte für ihn: die Furcht vor der Anſteckung! Bei ſeinem Vet⸗ ter, dem Schulzen drüben in Lübsfelde, war, durch Anſteckung übertragen, faſt das ganze Haus ausgeſtorben. Kein Wunder alſo, wenn er jetzt an ein ähn⸗ liches Schickſal dachte und kaum daß der Doktor die Mühle wieder verlaſſen hatte, ſagte er zu ſeiner Ehefrau:Mutter, es iſt ein großes Unglück, das uns da betroffen hat! Aber ich bitte dich um's Himmels Willen, mach's nur etwa nicht noch größer durch deine Mitleidigkeit. Klaus muß aus dem Hauſe und das auf der Stelle. Da iſt die alte Hirtenlieſe unten, denn ein öffentliches Lazareth haben wir leider Gottes noch nicht, die ihn gewiß für Geld und gute Worte aufnimmt, und ſo weit ich ſie kenne, iſt ſie brav und menſchlich. Wenigſtens menſchlicher als du! fiel ihm die Hausfrau in's Wort,der du durch das Fortſchaffen des Unglücklichen wieder eine neue Sündenlaſt auf dich und unſer Haus wälzen willſt. Pfui, Andres, in die Seele ſollteſt du dich ſchämen, daß du dem armen, kranken Klaus, der ſich in deinem Dienſt ſtumpf und ſteif gearbeitet hat, nun in ſeiner unverſchuldeten Krankheitsnoth das Haus verweigern und iſt's Gottes Wille kein ruhiges Sterbeplätzchen vergönnen willſt. Aber was ſchwatze ich denn da noch viel drüber! Das iſt ja gar nicht deine, ſondern nur meine Sache, und ich ſage dir, Klaus bleibt jedenfalls bei uns im Hauſe. Und was deine leidige Furcht vor der Anſteckung betrifft, da laſſe ich den lieben Gott walten, in deſſen Vaterhand unſer Leben ſteht und der unſere Tage gezählt hat vom Anbeginn.Grethe, Grethe! rief ſie drauf in die Küche hinaus,lauf doch mal ſchnell hinüber zur Kräuterlore und ſage ihr, ich ließe ſie dringend bitten, herüber zu kommen und den alten Klaus in ſeiner Krankheit zu pflegen. Und ſich zu ihrem Mann wendend, fuhr ſie fort:Das alte Weibchen verſteht's und hat ſchon manchen Schwerkranken gepflegt, oder zur ewigen Ruhe gebettet, und iſt voller Rath und Troſt, der in ſolchen Lagen oft mehr wirkt, als des Doktors gallebittere Mirtur!

Grillen, nichts als ſolche infame Weibergrillen, warf der Alte ärgerlich hin,und ich weiß ſchon, wie's hier zugeht, der Eine will nach rechts und der Andere nach links.

Das Beſte war, daß ſich diesmal die Grabenmüllerin um die Wider⸗ rede gar nicht kümmerte, denn ſie hatte noch vollauf in der Wirthſchaft zu thun.

) Erſt nach einer ganzen Weile kehrte die ausgeſandte Grethe wieder zurück, brachte aber keine gute Nachrichten, da die alte Frau ſelber todtkrank an einem plötzlichen Schlaganfall darniederlag.

Die Grabenmüllerin überflog bei dieſer Botſchaft ein leichter Schrecken und einen Augenblick ſchien ſie unſchluͤſſig zu ſein.Na, wenn du es denn einmal nicht anders willſt, dann ſchicke zur Hirtenlieſe, nahm Broſemann das Wort wieder,die wird das Kunſtſtück ſo gut wie die Kräuterlore verſtehen. Nicht wahr, Mutter?Nein, entgegnete die Angeredete fir,die Hirtenlieſe mag ich nicht, denn erſtens iſt ſie unzuverläſſig und ſtocktaub und zweitens macht ſie zu viel Ge⸗ trätſch von jeder Sache, und das habe ich nun einmal nicht gern. Aber nun noch Eins, Andres, was nur dich angeht, nämlich: laß mich in Ruhe, dein ängſtliches Gefrage und unſtetes Herumtrippeln macht mich unruhig. Kommt Zeit, kommt Rath; wenn alle Stränge reißen, iſt Winkelmanns Juſtine auch noch da; für Geld und gute Worte iſt Zuckerbrod zu kriegen, und das ſteht nun ſchon feſt bei mir: vor der Hand pflege ich den Kranken!

Der alte Grabenmüller ſah ſie vor jähem Schrecken und Entſetzen ſprachlos an, und während er noch das rechte Wort zur Entgegnung ſuchte, war ſeine Frau ſchon über den Hof weg und die Hintertreppe hinauf, wo der Kranke in einem heizbaren Stübchen lag.

Neun volle Tage pflegte die Grabenmüllerin mit ächter Samariterbarmherzig⸗ keit ſonder Furcht und Scheu den alten treuen Diener des Hauſes; und es war