Jahrgang 
1 (1858)
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ſchon gedulden. Aber von da ab auch nicht einen Augenblick länger; entwe⸗ der oder! Entweder du ſagſt ja und nimmſt mich, oder du beharreſt in deinem kindiſchen Trotz und bringſt dadurch Grabenmüllers, deinen Philipp, dich ſelber und die alte Hübnerin in Kummer, Armuth und Verzweiflung; und ich will dann ſchon dafuͤr ſorgen, daß dir ein ehrlicher Mann ſeine Hand nicht zum zweiten Male anbieten ſoll. Verſtanden?

Recht ſo, Schreiberdietrich, recht ſo, hetzte die Hübnerin,wie geſagt, bis zu Martini, aber dann darf mir die Bettelmamſell auch nicht einen einzigen Augenblick länger vor Augen bleiben!

Annemarie glaubte vor Schimpf und Schande in's Knie brechen zu müſſen. Anderſeits richtete ſie aber auch wieder die fröhliche Hoffnung in Gott auf, denn: Zeit gewonnen Viel gewonnen; zwiſchen heute und Martini lag noch mancher Tag, und aus dem Worte Gottes wußte ſie, daß geſchrieben ſteht: Es kann vor Abend noch anders werden!

Mittlerweile kamen die verſchiedenſten Gerüchte über Napoleons Kampf gegen Rußland nach Deutſchland. Eine Zeit voll banger Erwartungen und Be⸗ fuͤrchtungen lagerte auf den Herzen der deutſchen Patrioten und Niemand konnte es ſich länger verläugnen, daß nun bald der Augenblick kommen würde Alles zu gewinnen, oder Alles zu verlieren!

Doch der Herr der Heerſchaaren und Schlachten hatte das Geſchick der har⸗ renden Völker zum Guten hingewendet, und die Nachricht:MNoskau brennt! übte einen Zauber in Pallaſt und Huͤtte aus, deſſen Allgewalt noch heute in den Herzen der Zeitgenoſſen nachbebt..

Und dabei blieb's nicht. Von Woche zu Woche flogen neue Freuden⸗ und Siegesbotſchaften auf Adlersfluͤgeln durch Stadt und Land, die zwar bei dem Spionirſyſtem des franzöſiſchen Machthabers anfangs nur behutſam aufgenom⸗ men werden mußten, bald aber nicht mehr zu verleugnen und zu widerlegen waren. So die Nachricht von dem Rückzug der Franzoſen, von der Schlacht bei Smolensk, von der grimmigen Kälte, dem Uebergang über die Bereſing, von Napoleons Abreiſe vom Heer, item Auflöſung und Untergang deſſelben. Doch es iſt hier nicht der Ort und die Zeit, auf dieſe weltgeſchichtlichen Ereigniſſe näher einzugehen, ſondern ſolche nur inſoweit anzudeuten, als ſie mit den in unſerer Geſchichte handelnden Perſonen zuſammengehören.

Natürlich alſo, daß es dem Grabenmuͤller bei der großen Sorge für die nächſte Zukunft ſeines Hauſes und Vermögens vor der Hand nicht in den Sinn kam, ſich den Kopf auch noch mit den unſeligen Familienverhältniſſen vollzu⸗ ſtopfen; und ſelber Schreiberdietrich ließ den Martinitermin ruhig vorübergehen, da er wohl allen Reſpekt haben mochte, ſich in einer ſo bewegten Zeit einen eignen Hausſtand zu gründen.

Als die Hübnerin mal über dies Kapitel mit ihm ſprach, entgegnete er ihr dau Sicherheit:Annemarie läuft uns nicht davon; und kommt Zeit, kommt

ath.

Mithin war das arme Waiſenkind vor der Hand den drängenden Freier los und legte um ſo vertrauensvoller ihr Schickſal in die Hand des himmliſchen Vaters, der bis hierher geholfen hatte und gewiß auch weiter helfen würde.

Eine große und herrliche Zeit brach über das deutſche Vaterland herein. Der Völkerfrühling des glorreichen Jahres 1813, wo es galt einzuſtehen für die höchſten und heiligſten Güter der Menſchheit.

Nachdem die Ueberbleibſel des franzöſiſchen Heeres im elendeſten Zuſtande die deutſche Grenze wieder uberſchritten hatten und ihr Kaiſer in Paris ſchleu⸗ nigſt eine neue Kriegsmacht ſchuf, waren auch die Feinde des ehrgeizigen Corſen niht Aunhänig und ſammelten alle ihre Kräfte, um endlich das verhaßte Joch abzuſchütteln.

Am 3. Februar erließ der hochherzige Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. den ewig denkwürdigen Aufruf:An mein Volk, und von allen Seiten und