Jahrgang 
1 (1858)
Einzelbild herunterladen

— 228—

Kurz und gut, die Beiden wurden handeleins. Dreihundertſechzig Stück war der Schandpreis. Die übrigen Vierzig hatte ihm der Grabenmüller doch noch abgezwackt.

Wegen„Lebens und Sterbens“ brachte der Schreiberdietrich gleich den Vertrag zu Papier, den der Alte unterſchreiben und petſchiren mußte.

So wurde auch noch feſtgeſtellt, daß Schreiberdietrich erſt gegen den Herbſt hin mit ſeinem Heirathsantrag herausrücken ſollte. Alles der Leute und des guten Scheins wegen. Dagegen forderte ihn der Grabenmüller auf, auf jede Weiſe dafür zu ſorgen, daß Philipp und Annemarie keine Gelegenheit fänden, wieder zuſammenzutreffen. Von einer längeren Trennung Beider erwartete der Alte noch das Meiſte und er hielt hier das Sprüchwort feſt:„Aus den Augen, aus dem Sinn!“—

Als er den Schreiberdietrich uͤber den Hof führte, um ihn durch den Garten wieder hinauszulaſſen, fuhren die Hunde wie beſeſſen auf den Elenden los, daß Broſemann, um ſie abzuhalten, nach einer daſtehenden Pflug⸗ reute greifen mußte.

Gradeſo, als ob das unvernünftige Vieh gewußt hätte, welch' neues Schandſtück er wieder hier angezettelt und daß er zwei Herzen auseinander⸗ reißen wollte, die nach dem Rathſchluß Gottes für alle und ewige Zeiten zu⸗ ſammengehörten.—

V.

Bei den weltgeſchichtlichen Ereigniſſen des Sommers 1812 und bei dem allgemeinen Jammer und Elend der deutſchen Völkerſchaften traten die traurigen Familienverhältniſſe auf der Grabenmühle etwas in den Hintergrund. Denn man hatte ganz Anderes zu denken und zu thun, da Frankreich, im Bunde mit einer halben Welt, zum Kampfe gegen Rußland marſchirte. Druͤckende Einquar⸗ tirungen, Kontributionen und ähnliche Kriegsdrangſale waren in Städten und Dörfern an der Tagesordnung.

Insbeſondere aber litt unſer Wiederode darunter, das unmittelbar an der großen Heerſtraße lag, und es war ſchon vorgekommen, daß in einer Nacht nahe an hundert Mann auf der Grabenmühle gelegen hatten.

Und noch immer wollte es kein Ende nehmen. Die Quartiermacher jagten ſich förmlich; bald Kavallerie, bald Infanterie und Artillerie, und ſo fort Woche auf Woche,— eine gewaltige Völkerwanderung von Weſten gen Oſten; und alle die Tauſende und wieder Tauſende nur Werkzeuge eines Einzelnen und in ſeiner Art Einzigen, um ſeinem blinden Ehrgeiz und ſeinen ſchnöden Rachege⸗ lüſten zu fröhnen.

Natürlich, daß ſich der Grabenmüller über das Alles kreuzunglücklich fühlte. Denn Erſtens durch und durch Franzoſenfeind, koſtete ihm zweitens die ſogenannte „große Armee“ tagtäglich Geld, viel Geld! und wie wir wiſſen, war das ſeine ſchwache Seite..

In Folge dieſer fortwährenden Geldopfer hatte er— etwas Unerhörtes in der Geſchichte der Grabenmüller— ein Kapital kündigen müſſen; hatte ferner noch einen dritten Knecht in Brod und Lohn genommen, mit dem er das Un⸗ glück hatte, daß der eine für drei eſſen konnte, ohne ſich den Magen zu über⸗ aden. Und drittens und letztens: von den fortwährenden Vorſpannfuhren fielen ſeine prächtigen Apfelſchimmel und Braunen zuſehends zuſammen und wurden knapp gehalten in Hafer und Heu, während die Kavalleriſten für ihre Mähren das beſte Futter im Uebermaß wegnahmen.

Und dann auch wohl noch,— obgleich er's gegen Jedermann leugnete,— der nagende Kummer um Philipp!— Aber nicht, daß er mit der Zeit endlich nachgiebiger und verſöhnlicher geworden wäre,— im Gegentheil, er benahm ſich ſtörriſcher und hochfahrender denn je. Und als ihm an ſeinem vier⸗