Jahrgang 
1 (1858)
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„Ganz alloan?!“ wiederholte ungläubig, ſtumm und die Hände zuſammen ſchlagend vor Staunen und Verwundrung der Wirth und ſeine Umgebung, und der Engländer benutzte das, und ließ die guten Leute gar nicht aus dem Staunen kommen, ſondern er log ſich nun recht in die Lüge hinein.

„Ich ſein“— ſagte er: nheute früh um zwei Uhr abgereiſen von Fend, haben genommen Weg meinen über den Rofner Hof, ſein geſtiegen aufwärts, immer aufwärts, habe mich gerichten nach Karte und Kompas, meinen ſerr guten, ſein gegangen über den Gebatſch⸗Ferner, und haben gelaſſen die Wild⸗Spitz rechts und den Vernagt⸗Ferner links. Haben verfolgen die Richtung nach Nord zu Weſt, und haben überſchritten das Meer⸗Eis, wollen ſagen: Eismeer, haben gelaſſen die Gebatſch⸗Alpe rechts, und den Gebatſch⸗Ferner links, hernach die Glockthurm⸗Spitz wieder rechts, und den Gebatſch⸗Ferner immer noch links, und haben corrigirt die Abirrung der Magnetnadel und die Landkarten, ſchlechte, und ſein nun herunter gekommen in das Langtauferer Thal. Iſt's nicht ſo?“

Der Wirth lachte, daß ihm der Bauch wackelte, und dann ſagte er:„Ja, Schnecken! Mann Gottes, dös alles bild'ſt Dir nur ein, und danke Gott Vater, daß Du nöt auf den Weg ganga biſt, den Du b'ſchreibſt. Denn da wärſt noch nöt herunt, und wohl auch niemalen herunt kommen, da hätt ſt Dich rein zu Tod gekrefelt. 1) Ich will Dir ſagen, wie Du gegangen biſt. Du biſt ganz den richtigen Weg vom Rofner Hof hieher, in's Schnalſter⸗Thal über den Hoch⸗Joch⸗ Ferner gegangen, mag Dich nun geführt haben oaner oder koaner, genug, daß Dich der liebe Gott gführt und wunderbarlich bepfiehlt 2) hat, daß Du mit Dein'm Grraffel 3) nöt in an Schrofen oder oaner Kluß ſtecke bliebe biſt.“

Maſter Wilkins beendete raſch ſein Mahl, rüſtete ſich raſch zum Weitergang, fragte nach der Zeche, zahlte ſie, und ſprach kein Wort mehr. Trutziglich warf er den Hut auf ſein Haupt, und mit bitterböſem Geſicht ſchritt er von dannen. Vergebens rief der Wirth:„Nu wohin denn ſo fuchtig? 4) Thuſt ja, als wenn Du einen Affen heimtragen wollt'ſt!“ 5)— Da aber der Engländer ohne auf ihn zu hören, ja ohne nur umzublicken, weiter ſchritt, ſo rief ihm der Wirth noch ſpöttiſch nach:„Zeit laſſen! Manndl! Zeit laſſen!“ und wandte ſich mit den Worten zu den Seinen:„Habt ihr all euer Lebtag' ſo einen znichten und zerütt'ten Tſchoppel g'ſchaut? So'an Ruech, ſo an Sankt Neff im Krautgorten, ſo an Glotzer? Gang hin, du zweiſchneidiger Menſch, du kaſiges Geſicht, und laß dir von Hafer⸗ geiſen hoamleuchten, du toller Zackler!“ 6)

Mit dieſem Alpenſegen beladen, wanderte Maſter Wilkins neugeſtärkt fürbaß und ſeines Weges, aber in guter Laune keineswegs. Es ging ihm höchſt ärgerlich im Kopfe herum, daß er nicht den Weg gegangen ſein ſollte, den er hatte gehen wollen, noch mehr, daß er einen längſt bekannten gangbaren und täglich begange⸗ uen Hochweg überſchritten, und keineswegs einen noch unbekannten, neuen Weg ent⸗ deckt habe, folglich feimen Namen nicht verewigen könne und berühmt machen als Alpen⸗ reiſender; neue Mineralien hatte er auch nicht entdeckt, denn droben beſtanden die Felſen nur aus Porphyr und hier im Hochthal ſtand, ſo weit das Auge blickte, nur Glimmerſchiefer zu Tage, und das Gerölle der Muren beſtand aus einem Ge⸗ miſch von Feldſpathen, gewöhnlichen Bachkieſeln und Alpenkalk. Maſter Wilkins hätte mit aller Welt ſtreiten, zanken und raufen mögen. Ueber dieſe Verſtimmung entging faſt ganz und gar dem Engländer die Wahrnehmung, daß er eins der eigenthuͤm⸗ lichſten, an großartigen Naturſcenen überreichen Thäler Tirols durchwanderte, ſo abgeſchloſſen, ſo einſam, ſo überragt von den mächtigen Bergrieſen der Simi⸗ lauerſpitz, und den ſüdlichen Abſenkungen des weitausgedehnten Oetzthaler Ferners.

Jetzt lag ein Bauwerk vor dem Wanderer, das einer Feſtung glich, zwei

1) geklettert. 2) behütet. 3) Geräth, Gerumpel. 4) zornig. 5) als wenn du ein Rauſch hätteſt. 6) Lump.