Jahrgang 
1 (1858)
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2.

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und Stein, ohne Waſſer und Moor, ohne Abgrund und ſchier unerſteigliche Schrofen, ohne Spuren von Muren und Runſen, die ganze weite und breite Strecken in grauſige Wuſteneien umgewandelt. Indeß ſagt ein deutſches Sprüch⸗ wort:„Geduld überwindet einen Kalbsbraten“— und die Mehrzahl der welt⸗ berühmteſten Reiſenden, die ſelbſt auf dem Chimboraſſo in Amerika und dem Himmalaia in Indien angenehme Fußtouren ausführten, kehrten glücklich zurück, und gaben in ſchätzbaren Druckſchriften ihren hinter dem Ofen ſitzen gebliebenen Landsleuten die anziehendſten Schilderungen der ausgeſtandenen Gefahren. Warum hätte nicht auch Maſter Wilkins die Strecke des übeln Bergweges bis zum nächſten Orte des unter ihm ſich zur Tiefe ziehenden Thales zuruͤcklegen ſollen? Hatte er doch durchgeſetzt, was er ſich ächt engliſch bockbeinig vorge⸗

nommen, ſann er doch ſchon nach über die Druckſchrift, in welcher er ſeine neue

Entdeckung, nebſt mancher nebenbei gemachten Beobachtung niederlegen, ſie den Gelehrten zu Orford widmen, und damit ſeinen Namen in das goldene Buch alpenreiſender Unſterblichkeit würdig eintragen wollte.

Schon ſtarrt die blaugrüne Eiswand des letzten Ferners hinter dem Wanderer; der Thalboden wird erreicht; da ſteht ein Gehöft, ein Sennhüttendörfchen, ſoge⸗ nannte Grashöfe, ringsum in der Nähe gipfeln ſich Felſenwände mit Eiskronen, zwiſchen denen Gletſcher herabziehen, einſam, erhaben, ſchaurig ſchön— es iſt der hinterſte Thalwinkel. Jetzt nahen Menſchen; ſie blicken den ſeltſamen Fremd⸗ ling verwundert an, er grüßt ſie nicht, ſo brauchen ſie nicht zu danken, aber ſie verwundern ſich, daß der Mann ſo allein kommt. Selbſt das weidende Vieh ſcheint ihn betroffen anzuſtarren, und eine Kindergruppe, die vor der Thüre des einen Hauſes ſpielt, flüchtet eilend bei Maſter Wilkins Anblick in das Innere.

„Wie heißen Ort dieſer hier?“ fragt der Alpenwanderer endlich einen Mann, und dieſer antwortet:„Kurzras“.

„Kurzras?“ fragte der Engländer zurück, blickte auf ſeine Karte, und ſagte: No no— ſtehen nir hier. Wie weit ſein es noch nach Langtaufers?

„Langtaufers?“ wiederholte der Gefragte— und nahm eine ſinnende Miene an, und in der That beſann er ſich lange. Die Bewohner dieſer Thalengen kommen ſelten von dem Vieh, das ſie für Geld und Lebensmittel auf ihren Triften weiden laſſen, weit hinweg. Nur Führer und Boten kennen entlegene Orte, und auch dieſe in der Regel nur ſolche Orte, die ſie auf ihren Wegen unmittelbar berühren. Endlich ſagte der Mann:„Langtaufers, ja das iſt woat, da kimmſt d' heint nöt hin— ſechs, acht Stunden iſt's. Aber wo kimmſtd' denn her, um Jeſſes Willen?“

Dem Engländer ſchlug der Schreck in die Glieder. Er überhörte völh die theilnehmende Frage, und wiederholte mit Unwillen die Antwort des Alpen⸗ hirten:„Sechs— acht Stunden iſt's hin! Dummheit“— und ſchritt alsbald weiter, um nach einer kurzen Wanderung aus der hinterſten Thalenge das Mittelgebirge zu erreichen. Dort blickte ihm ein ſtattliches Gehöft entgegen, auf dieſes wanderte der Reiſende zu und fragte abermals, wie weit es nach Lang⸗ taufers ſei? Der zufällig anweſende Hofbauer und Eigenthümer eines Anweſens, in welchem einſt Friedrich mit der leeren Taſche Zuflucht geſucht und gefunden, und dafür dieſe Beſitzung zum Freihof erhoben hatte, blickte mit ererbtem Stolze auf den Mann mit der vollen Taſche und ſagte:„Hier liegt kein Langtaufers, hier iſt der Finailhof. Aber wo kimſtd' denn her ſo alloan? Ich vermoan, Du ſeiſt vom Mond herabgefallen!“ 3

Dieſe Vermuthung verdroß den Engländer; er ſchoß dem Tyroler Hofbauer einen wüthenden Blick zu, und ſagte:„Ich ſein not der Mann im Mond, aber hier finde ich ein großes Mondkalb“ und ſchritt zornig von hinnen.

Immer weiter thalabwärts ging die Wanderung. Maſter Wilkins war müde, hungrig, durſtig und verſtimmt. Doch er ſtillte Hunger und Durſt mit Erdbeeren, die