Jahrgang 
1 (1858)
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murmelte Maſter Wilkins: die Nadel decliniren nach nordnordweſt, ſerr remer- kable, oder— die Karte ſein unrichtig.“ Plötzlich tippte ſich Maſter Wilkins auf die Stirne, und ein verklärtes Leuchten flog über ſeine Züge.„Ah, ich haben es— Entdeckung gemaken ſerr wichtig. Hier ſein die Eismeere des Hochgebirges— Magnetnadel weichen ab, wie auf dem Meere an vielen Orten, ſo auch hier, denn was ſein ein Meer? Die Waſſer. Und was ſein ein Cis⸗ meer? Die gefrorene Meerwaſſer— wollen ſagen Waſſermeer. Well, yes!“ (Wohl! Ja!)

So wiſſenſchaftlich und unumſtößlich beruhigt, ſetzte Maſter Wilkins ſeine Alpenwanderung fort. Die mehr und mehr ganz bedeutende Abweichung der Magnetnadel fand er natürlich, weil er die kaiſerlich königliche Generalſtabskarte für fehlerhaft hielt, und daher nichts eiligeres und wichtigeres zu thun hatte, als dieſ elbe mit einer ſehr ſchwarz zeichnenden Bleifeder zu corrigiren. 5

„Das iſt der Weiskugel!“ rief der Englisman, und deutete auf einen hoch⸗ ragenden Fernerſtock, der ſich hoch über das rings weithin gebreitete, gefährlich und mühſam genug zu überſchreitende Eisgebirge noch himmelhoch erhob.

„O ja!“ verſetzte der Plattner⸗Standl.„Der Sakra ſchaut accurat aus, wie der Similaunſpitz, giebt auch koaner dem andern an der Höchen viel noach.“

Und nun wußte Maſter Wilkins, daß er die Richtung verfolge, welche, den Weißkugel zur Linken laſſend, das vom Vernagt⸗Ferner überragte Eismeer, da⸗ hinter ſich wieder in unbeſchreiblicher Hoheit der Gebatſch⸗Ferner aufgipfelte, zur Rechten, unmittelbar zur Abſenkung dieſer eisüberglaſten Felsregion, die den oberſten und höchſten Anfang des Langtauferer Thales zu bilden beginnt, daß er in nicht allzu langer Zeit in dieſes Thal kommen müſſe, und triumphirte: „Sehen nun, mein guter Führer, wie ich alles haben gewiſſen; jeden Weg, jeden Gletſcher, jedes Thal! Ich haben auch gewiſſen, daß über den Ferner⸗ Gebatſch zu gehen, nix Spaß, aber ich haben einmal gewollen, und es ſein gegangen, weil wir ſein gegangen. Wären wir not gegangen, ſo hätten ich not koͤnnen entdecken dieſen Gang. Weg ſein zwar ſerr beſchwerlich, aber der Menſch muß ſein beharrlik, ausdauerlik.“

Es wurde ein Mittagsmahl eingenommen, ſo einfach, wie die Gelegenheit es darbot. Der Plaitner⸗Standl hatte noch ein Stück Brod und ein Stück Gemsſchinken, der Engländer allerlei Ueberbleibſel, und die beim Frühſtück auf die hohe Tajfel der Reiſenden gekommenen Getränke ſpielten auch jetzt wieder ihre Rolle. Dann noch eine gute Strecke, eine Wegſtunde vielleicht, mühſelige Wanderung, immer noch über Eis und Eisgeklüfte, endlich wird der Blick frei, man kann hinunter ſehen, hinaus in unendliche Weiten vom hohen Cisgrot; zu⸗ nächſt ein langgedehntes ſchmales, wildzerklüftetes Alpenthal mit Ortſchaften, die ſich wie die Spielhäuschen in Sonnenberger und Nürnberger Städeeſchachteln ausnehmen; darüber hinaus aber, viele Meilen weit getrennt durch das Etſch⸗ thal, ragt in der Ferne die großartige Eispyramide der Ortles⸗Spitze, und begränzt der Suldner Ferner mit ſeinem„Ende der Welt“ in mächtigen Halb⸗ kreisbogen den Horizont.

„Ha!“ ruft Maſter Wilkins freudig nach einem Blick auf ſeine Karte aus: „Das Scaletta⸗, das Selvretta⸗Gebirge, hoch überm, obern und untern Enga⸗ dein! Sehen Du dort unten die Ortſchaften? Langtaufers, Hinterkirch, und die Höfe dort herum? Well, well!“ ¹Ess ging hinunterwärts; der anfangs allerdings noch außerordentlich beſchwer⸗ liche Saumpfad wurde auch ſpäter wenig beſſer, und der nächſte, oberſte Ort des engen Thales, der ſich ſchon in der reinen, völlig dunſtfreien Luft ganz klar und deutlich zeigte, konnte innerhalb des Marſches von einer Stunde erreicht werden. Man hatte ſich nicht übereilt, nicht übermüdet; es war jetzt zwiſchen zwei und drei Uhr Nachmittags, und nun erinnerte der Plattner⸗Standl, daß er ſeine Schuldigkeit gethan habe, daß er zurück müſſe, daß er ſpät genug erſt Fend wieder werde erreichen konnen. Maſter Wilkins war ein billig denkender Mann, er ſehe wohl ein, daß er den Führer nicht länger behalten könnte, und willigte