Jahrgang 
1 (1858)
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Fläſchchen Arrak Batavia, und der Plattner⸗Standl ſchnalzte vergnüglich, als ihm vergönnt war, auf ſein hartes Brod von dieſem ihm unbekannten Feuer⸗ tranke zu träufeln. Dafür reichte er dankbar dem Engländer ſeine Bulle mit Enzianbranntwein, dem koſtbarſten Schnapps Tirols, und zeigte ihm auch zu⸗ gleich auf der grünenden Hochmatte, auf der die Wandrer ruhten, die herrlichen goldgelben Blüthenſcepter dieſer Königin aller Alpenblumen, welche tief in den Boden die heilkräftige bittere Pfahlwurzel ſenkt, die als rother Enzian all⸗ jährlich von zahlreichen Wurzelgräbern ihrem heimiſchen Boden entführt wird. Maſter Wilkins zog ein komiſches Geſicht, als er dieſen Bitterling koſtete, ſchüt— telte ſich mit lautem„brr!“ und gab die Flaſche an ſeinen Führer zurück.„Das Zeug nir gut, ſchmecken wie Koloquinten und Aloe.“—

Als man nach dem Frühſtück wieder aufgebrochen war, verloren ſich allmählig die ſonnig grünenden Hochmatten des Mittelgebirges, die ſchönen Alpenkräuter und Blumen wurden ſeltener, ſie wichen dem„Rispail Rispail“, einer Art Rennthierflechte, die fahl und farblos weite Strecken überwucherte, die Bäume hatten mit den letzten Zirben ſchon eine Strecke über den Rofner Hof aufgehört, an einigen demüthig an dem Boden hinkriechenden Legföhren war man vorbei⸗ gekommen, endlich erblickte man als letztes Strauchwerk eine dürftige Weidenart, und ehe man ſich's verſah, war die Schneelinie überſchritten, das Gletſchereis zeigte ſich in nächſter Nähe, der ſchmale Saumerpfad lenkte etwas von der bisher unmittelbar weſtwärts verfolgten Richtung mehr nach links ab, ſüdweſtweſt, führte höchſt beſchwerlich und mühevoll am Eisgeſtade eines rieſigen Ferners vorüber, rings umſtarrt von drohenden Felswänden, und wohin das Auge blickte, gewahrte es unermeßliche Eismaſſen, die es blendend beleidigten und verletzten.

Maſter Wilkins zeigte ſich wacker. Er freute ſich ſeiner benagelten Schuhe, ſeiner daran befeſtigten Steigeiſen, ſeines jetzt ſich nützlich erweiſenden Alpen⸗ ſtockes, ſeiner bequemen Tracht, benutzte ſein Fernrohr, ſah fleißig nach Baro⸗ meter n Thermometer, wie auf Karte und Kompaß, notirte viel und fragte noch mehr.

Und auch der Plattner⸗Standl zeigte ſich wacker. Er beantwortete von den Fragen ſeines Reiſenden ſo viel er nur immer vermochte, und zwar mit großer Zuverſicht, z. B. Frage:„Das iſt der Gebatſch⸗Ferner?“ ſagte der Plattner⸗ Standl.„O ja!“ und auf die Frage:„Und das iſt doch der richtige Weg nach Langtaufers? derſelbe, der hier auf der Karte ſteht?“ wieder:„O ja, freilich wohl!“ und auf die Frage:„Und in vier Stunden können wir in Hinterkirch oder Langſtaufers ſein?“ erwiederte der Führer:„Selt vermein' i.““ Es war nicht deutlich herauszuhören, ob der Plattner⸗Standl„vermein' i“ oder„ver⸗ nein' i“ ſagte. Der Engländer nahm erſteres als ſelbſtverſtändlich an.

Auf einer hoch gelegenen Platte angelangt, ſchon faſt ganz zwiſchen Eis⸗ flächen, Eiszacken, Eiswänden, verſchnaubend, Schweiß trocknend, ſchaudernd vor der überwältigenden Majeſtät der Gletſcherwelt, die in Maſter Wilkins Erinnerungen an die Eisberge Islands und Grönlands wach rief, hier über Eismeere blickend, die nie eines Schiffes Kiel durchfurcht, hier in der öden, tiefſtillen Wildniß, die auch den geſprächigen Führer ſchweigſam machte und ernſt ſtimmte, hier blickte der Reiſende wieder auf ſeine Karte und ſeinen Kompaß, und ſchüttelte den Kopf ganz bedenklich.

„Dieß ſein doch ganz gewiſſen der Ferner⸗Gebatſch?“ fragte Maſter Wilkins, und:„J denk's halt!“ war Plattner⸗Standls Antwort.

„Und wie weit noch über den Gletſcher und bis Langtaufers?“

„Ueber den Gletſcher iſt nöt mehr gar weit, a Stund oder zwoa, aber hinunt kommt noch a ſakriſcher Ferner und iſt gar beſchwerlich abi ſteige“, erwie⸗ derte der Führer.

„Well, well!« ſagte der Engländer, fügte jedoch hinzu:„Wollen ſagen: not well, well; nix gut.“— Nach abermaligem Blick auf Karte und Kompaß