Jahrgang 
1 (1858)
Einzelbild herunterladen

Hoch-⸗Joch⸗Ferner, von wo aus man herunter wandert, man kann aber auch gerade über den Oetzthal⸗Ferner zwiſchen dem Finail und der Similaunſpitze durch herunter nach Vernagt und in das Schnalſer Thal kommen.“

„O ja“, ſagte beſtätigend der Plattner⸗Standl, und als der Engländer fort⸗ fuhr zu reden:„Wir aber gehen über den Rofner Hof ſtracks über den Gebatſch⸗ Ferner in der Richtung nach der Gebatſch⸗Alp, laſſen ſie rechts und kommen nach Langſtaufers und Hinterkirch— iſt's nicht ſo?“ erwiederte abermals der Fuͤhrer:„O ja!“ und der Engländer ſagte„Well!“

„Du haſt, mein Oad(bei meinem Eid) a g'ſpaſſig's Sackuhrl“— nahm, mit Neugierde den Kompaß betrachtend, der Plattner⸗Standl das Wort, während die Wanderer ſich dem dreiviertel Stunden von Fend entlegenen Rofner Hofe näherten:„a Uhrl und koan Zifferblatt, mit an Zoag'r, der immer wackelt“, und plötzlich brach der muntere Gebirgsſohn in einen lauten Jodler aus, an den er einen ländlichen Vers knüpfte.

So an Uhrl möcht' i han, Wann zum Dirndl i gang.

'S thut d' Stunda nit ſchloan, Und macht uns nöt bang. 8

Ein Juchzen, daß der Schall von allen Bergwänden hillerte(wiederhallte) beſchloß die raſche Stegreifdichtung.

Hinter dem Rofner Hofe ſtieg zur Rechten im Norden die 12,000 Fuß hohe Wildſpitz prachtvoll empor, während ſchroff und ſteil die ungeheure Eiswand des Vernagt⸗Ferners in das Thal ſich abſenkte, der ſeine Eisblöcke von Zeit zu Zeit verſchiebt. Der Plattner-Standl hielt es für Führerpflicht, ſeinen Reiſenden auf dieſe bedeutende Naturmerkwürdigkeit aufmerkſam zu machen.„Schau!“ begann er:„der Vernagtferner, das is a Sakra Kunder*), der ruckt aufi und abi, und wann er abi ruckt, ſo ſchlagt die Todenglock'n fuͤr das armi Oetzthal. Erſt macht er queerüber an Eisdamm, da ſtaut ſich alles Waſſer, daß a ganzer See draus wird, und mit amoal brichts durch und dergießt ſich wie a Sindfluath ins Thal; da reißt's Hütte und Haus, Kirch' und Widum z'ſamme, da hilft ka bet'n und ka Kreuzgang, und ka heilige Meß leſen. Das iſt ſchon zum öftern g'ſchegn und wird auch noch zum öftern ſein. Da wird die Ache, die da unter uns kocht und tobt, obſchon man ſie kaum ſieht, zum Rieſenſtrom, und ſo breit ſchier, wie das Thal, und es iſt accurat, als ob die Welt unterging.“

Während der Unterhaltung des Führers, ſo lange man noch nicht bergan⸗ ſtieg, ſah Maſter Wilkins gar fleißig nach ſeinem Kompaß, auf ſeine Karte und nach den Höhen, und der Führer mußte die gewaltigen Ferner mit Namen nennen, welche der Engländer alle in ſein Merkbuch einzeichnete.

Eifrig zeigte Ferdinand Plattner auf alle Höhen, in alle Thäler und Schründe, er nannte den Hochjochferner, den Weißkugel, oder das Scheinferjoch, das hintere Eis, die hintere Wilden-⸗Eisſpitze, die Zirmſpitze, kurz alles, was im Geſichtskreiſe lag von der unermeßlichen Eis⸗ und Gletſcherwelt dieſer ver⸗ einigten Gebirgsſtöcke, welche das Nieder⸗Thal und das Gurgl⸗Thal hochherrſchend umſtehen.

Maſter Wilkins war zufrieden. Karten und Kompaß zeigten an, daß eine

ganz richtige Richtung von ſeinem Führer eingeſchlagen ſei. Man ſtieg höher und höher, und immer reizender entfaltete ſich, zumal der Reiſetag ein wunder⸗ ſchöner war, die unſagliche Naturpracht dieſes Stückes aus der flimmernden Demantkrone Deutſchlands. Es war Morgens fünf Uhr und ſchon eine ſehr bedeutende Höhe erreicht. Wenn man gemachſam ruhig aufwärts ſteigt, läßt ſich binnen drei Morgenſtunden ſchon eine hübſche Höhe gewinnen. Man ruhte aus, man frühſtückte; der Engländer hatte von Imſt noch eine Flaſche alten eingeſchmuggelten köſtlichen Weines für die Alpenwanderung gerettet, auch ein

—*) ſchlimmes Ungeheuer.