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„Brav, Plattner⸗Standl! brav!“ belobte der Wirth.„Biſt ein ehrlicher Bub, ſagſt die lautere Wahrheit!“ aber der Engländer, der indeß ſeine Mahlzeit beendigt hatte, ließ die gutherzige Warnung des ehrlichen Tirolers nicht gelten, er gab ihm vielmehr allerlei Ehrentitel, als Hare, Marmot, Sloth, Rell-mouse:— Haſe, Murmelthier, Faulthier, Siebenſchläfer— doch klüglicherweiſe nur in engliſcher Sprache, zog ſeinen wie eine Uhr geſtalteten freien Kompaß aus der Taſche, legte ihn auf die Landkarte, brachte dieſe genau in die richtige Meridianlage, und ſagte dann: Well! Wenn ich einmal haben geſprochen, ich wollen über den Gobetſch⸗ Ferner, ſo wollen ich, und dann thuen ich das. Wollen Keiner mit mir gehen, ſo kann ich auch gehen allein, und finden den Weg ganz allein.“
Dieſes Wort füllte den Wirth und die beiden Bauern mit Schrecken. Der Mann ſah ganz darnach aus, ſeine Rede wahr zu machen, und ſie durften ihn doch aus Menſchen⸗ und Chriſtenpflicht den höchſt gefährlichen Weg ohne Führer und allein nicht antreten laſſen.
Im Angeſicht des Ferdinand Plattner zuckte es ſeltſam, er verſank in Nach— ſinnen, ſah aber dabei immer auf den Wirth, und dieſer, der hinter den Engländer getreten war, zwinkte ihm mit den Augenwimpern, und auch der Pfaundſcher Waſchtl nickte dem Plattner Standl beſtätigend zu, ſo daß dieſer raſch ſeinen Entſchuß faßte, ſich vom Stuhl erhob, den Stummel aus dem Munde nahm, vor den Engländer hintrat, und ſagte:„Ich will dich in Gottes Namen geleiten, allein darf ich dich nicht gehen laſſen, denn dann kommſt d' um, ſo woahr als zwoamol zwoa vier iſt. J will mit dir gehen, bis du koane G'fahr mehr zu fürchten haſt, und ſiehgſt, wo d' hin kummſt. Ganz hinant kann i nicht mitgehen, weil i o an andera Beſtellung hab, und morgen 3* Abend wieder hier ſein mues.“— Der Engländer fragte, was er zahlen ſollte, und man kam darüber leicht überein. Der Tiroler forderte ſehr viel, dem Engländer ſchien der Betrag von zwölf Zwanzigern kaum der Rede werth. Der Wirth beſchaffte ein ländlich gutes Bett, und man ſuchte die Ruhe, um am andern Morgen zeitig aufzubrechen.
Dieſer Sommermorgen ließ nicht lange auf ſich warten. Schon um zwei Uhr brannten alle zwanzig Ferner, die das Thal von Fend wie hehre Tempel⸗ ſäulen umſtarren, im heiligen Frühroth. Der Plattner⸗Standl war zeitig auf den Beinen, weckte Wirth und Magd, und den Engländer, ſeinen Patſchatſchier, wie auch er ſagte. Der Sohn Altenglands gähnte einige Male ſehr laut und ſehr weit, denn die letzten zwei Wandertage lagen ihm noch ſchwer in den Gliedern, indeß war er doch reiſefertig, als das wunderliche Gebräu erſchien, welches die Wirthsdirn Kaffee nannte, und in einem Bierglaſe auftrug, dem es noch zu früh war, um ſich ſchon gewaſchen zu haben. Der Zucker war ſehr brauner Candis mit ſtarkem Syrupgeſchmack, und die Stelle des Zwiebacks ver— trat ein Einback, ein Brod, das dem Engländer durchaus nicht mundete; es ſchmeckte juſt ſo, wie über Nacht ſtehen gebliebenes ſaures Bier aus einer Flaſche mit angegangenem Korkſtöpſel. Der Bote des geſtrigen Tages, der in der Stube
auf einer Streu geſchlaſen hatte, war auch munter und ſchickte ſich zur Rückreiſe an. Die drei Wanderer verließen zugleich das Haus, und der zu Dank ver⸗ gnügte Wirth rief dem Engländer ein wohlgemeintes„Zeit laſſen!“ nach.
Der Plattner⸗Standl war ein prächtiger Führer, ganz das Gegentheil von dem ſchweigſamen Heilig⸗Kreuzer, der jetzt von ihnen ſchied und ſeine Straße zog.
Er war geſprächig und mittheilſam, und wußte trefflich Beſcheid auf jede Frage zu ertheilen. Und an Fragen ließ es der Engländer nicht fehlen. Eine Viertel⸗ ſtunde hinter Fend gelangten die Wanderer an eine einſame Wegkapelle, wo ſich ein
herrlicher Blick in drei Thäler bot, in das Fender Thal das ſich nordwärts abſenkte, in das öſtlich gelegene Nieder- oder Spieglerthal, und in das nach Weſten ſich hoch zum Vernagt⸗ und Gebatſch⸗Ferner emporziehende Rofner Thal. Fleißig handhabte Meiſter Wilkins Karte und Kompaß und kramte vor dem ſchlichten Plattner⸗Standl ſein einſtudirtes Wiſſen aus, indem er immer im Docententone n ſprach, ſo unter anderm:„Hier iſt alſo das Niederthal, das zieht hinauf zum
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