Jahrgang 
1 (1858)
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ihm, ihn in ſein einſames Forſthaus aufzunehmen. Der brave Mann that's auch, und wieder lange, ſehr lange, weilte er hier, wo er körperlich ſich wieder erholte. Um ſich nützlich zu machen, unterrichtete Carl des Förſters Knaben während des Winters, da ſie unmöglich zur Schule gehen konnten. So wurde ihm die Beruhigung, ſein Brot zu verdienen. Dann übte er eine Kunſt, die er von Bender gelernt, er flocht dem Förſter Körbe und allerlei Dinge des täglichen Gebrauchs; verſuchte ſich, da der Förſter viele Bienen hatte, im Flechten der Bienenkörbe von Stroh. Die brave Familie gewann ihn und er ſie ſo lieb, daß beiderſeits das endliche Scheiden ein wirklich ſchmerzliches war.

Niemand ahnete in dieſer langen Zeit ſeine Anweſenheit, ſo ſorgſam auch die wieder kräftig gewordene Polizei in Höfen, Mühlen und einzelnen Häuſern nach verſchlaͤgenen Freiſchärlern forſchte. Carl wollte im Frühlinge fort, aber die Förſtersfamilie bat ihn ſo herzlich, noch zu bleiben, daß er bis etwa vor vier Wochen blieb. Von dem Förſter vernahm er ſeine Verurtheilung mit Entſetzen. Hier entwarf er den Plan, nach Amerika auszuwandern. Vorher aber wollte er ſeines Vaters Verzeihung ſich erflehen und noch einmal im lieben Pfarrhauſe des Städtchens einkehren, um auch hier um Vergebung zu flehen. Daß er dabei auf Guſtels treue Hülfe gerechnet, ſprach er aus, und wie er ſie erhalten, das machte den Schluß ſeiner Erzählung, die der ſanften, ſinnigen Guſtel, welche der Amt⸗ mann als der Pfarrerin Liebling wohl kannte, die heißen Thränen in das roſige Antlitz trieb. 18

Aber, hob der Pfarrer an, als Carl geendet, was willſt du in Amerika

anfangen, Carl? Dein Arm iſt lahm?

Wohl wahr, theurer Mann, erwiederte Carl, aber was blüht mir hier? Das Gefängniß! Und dann erſt kein Wirkungskreis. 8

Es trat eine peinliche Stille ein. Jeder hing ſeinen Gedanken nach, einen Ausweg zu finden.

Da flüſterte Guſtel, die bei dem Gedanken an Amerika einen leiſen Schauder nicht überwinden konnte, der Pfarrerin leiſe Etwas in's Ohr.

Ach, ſagte die Pfarrerin, es bleibt doch ewig wahr, was der Dichter ſagt:

Was kein Verſtand der Verſtändigen ſieht, Das ahnet in Einfalt ein kindlich Gemüth!

Alle ſahen ſie erſtaunt an und Guſtel barg ihr erglühendes Geſicht an der Schulter ihrer mütterlichen Freundin.

Was ſagte unſre liebe Guſtel? fragte ernſt der Pfarrer.

Ich habe ihr einmal erzählt, wie edel der Landesherr unſres Freundes ſich gegen ihn benommen. Da meinte ſie, der edle Fürſt würde dem alten Vater auch die Gnade für den Sohn nicht verſagen, der geheilt und reuig, wie der ver⸗ lorne Sohn im Evangelio, zurückkehre.

Der Amtmann fuhr freudig erregt auf. Liebes Kind, ſagte er, das hat dir Gott geſagt! Ja, wie du es ausgeſprochen, ſo ſoll es geſchehen und wir wollen Alle beten, daß der Herr, der uns in ſeinem Gleichniß eine ſo herrliche Himmels⸗ botſchaft verkündigt hat, auch des edeln Fürſten Herz zur Gnade lenke. Schon Morgen ſollſt du mich überſetzen! Ein Strahl ſeliger Hoffnung zeigte ſich auf jedem Angeſichte und belebte jedes Herz und die heißeſten Gebete ſtiegen zum Himmel auf für das glückliche Gelingen der kurzen Reiſe des alten Mannes, der ſeit er ſeinen Sohn nun wieder hatte, neu aufgelebt war. Früh bei grauendem Morgenlicht ſchritt der Amtmann den Fußpfad hinab zum Fährhäuschen, wohin der Wagen des Pfarrers auf anderm Wege folgte. Der Wagen wurde zuerſt mit der Fähre von Bender und Guſtel übergeſetzt und dann ruderten ſie den Greis im Kahne hinüber.

Als er aus dem Kahn ſtieg, ſagte er, Guſtels Hand ergreifend, Kind haſt du auch herzlich gebetet?

Sie erröthete, lächelte aber und ihr Auge wurde ſeucht und mit zur Erde geſenktem Blicke, flüſterte ſie: Auf meinen Knieen!