Jahrgang 
1 (1858)
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finde ich dich. Guſtel, habe Erbarmen, gib mir, bis ich weiter kann, ein Obdach auf dem Speicher des Fährhäuschens!

Stumm hörte ihn das Mädchen an und ſann nach.

Carl, das geht nicht, ſagte ſie. Du kannſt dich dort nicht erholen, dort nicht verbergen, wo jede Bewegung dich denen verräth, welche die wechſelnde Witterung unter Obdach zu treten zwingt. Und was ſoll dann werden? rief ſie, die Hände ringend. Plötzlich aber war es, als erleuchte ein Gedanke ihre Zuͤge. Harre hier eine Stunde! Ich bringe Rath!

O du mein rettender Engel! rief der Arme und ſie war ſchon jenſeits der Weiden.

Eine peinliche Stunde verfloß für ihn. Während dieſer Zeit kamen Leute, die übergeſetzt ſein wollten, die aber warten mußten, weil Niemand in dem Häuschen war. Endlich hörte Carl des Mädchens Stimme. Sie klang fröhlich. Er war nahe herbeigekrochen und ſah, daß ſie ein Körbchen in das Häuschen trug, dann eilte ſie hinab zum Ufer und ruderte die Leute hinüber. Aber mit außer⸗ ordentlicher Schnelligkeit war ſie wieder am Landeplatze mit dem Kahn, eilte dann zum Häuschen, holte das Körbchen und trat zu ihm.

Wir ſind nicht ſicher, ſagte ſie. Erquicke dich einſtweilen; ich muß am Häus⸗ chen bleiben.

Wie ſtehts? fragte er.

Gut, erwiederte ſie und eilte zum Häuschen. Es war Pu daß ſie gegangen

war, denn wieder naheten Leute. Und wieder durfte ſie ſich ihm nicht nähern.

Es war eine ſehr peinliche Lage für Beide.

Endlich kam die Nacht. Sie horchte nach dem Orte hin. Die Winzer zogen ſingend vom Gebirge her nach dem Städtchen. Als ſie jetzt zu ihm an die Weiden trat, fühlte er ſich geſtärkt, neu belebt, und nun erzählte ſie ihm, was ſie gethan.

Als ſie heimkam, war die Pfarrerin bei ihrer Mutter. Sie ſahen ihr ſogleich an, daß etwas Wichtiges ihr begegnet ſein müſſe. Sie nahm keinen Anſtand, den treuen Herzen Alles mitzutheilen, was ſie erlebt. Schaudernd und doch voll Freude vernahmen ſie, was das bewegte Mädchen erzählte und nun gingen die Dreie zu Rath. Benders hatten oben ein Kämmerchen, das wohnlich war, aber nicht benutzt wurde. Hierher wollte die Pfarrerin, ſobald es dämmerte, ein Bett ſchaffen und das Stübchen, ſo gut es ging, einrichten, um ihn aufzunehmen, denn hier ver⸗ muthete ihn Niemand. Die beiden Maͤnner, der Pfarrer und der Amtmann, ſollten vorerſt nicht das Geringſte erfahren, bis Carl ſich wieder ganz würde erholt haben. Nur Bender, der heute mit dem Pfarrer in deſſen Weinbergen war, ſollte unter⸗ richtet werden. 4

Carl drückte ihre Hand an ſeine Lippen. O du mein rettender Engel! rief er noch einmal aus dankbarer Seele und dann folgte er ihr auf dem Pfade, den ſie als Kinder ſo oft miteinamder herabgehüpft waren, doch ging ſie weit voraus, um für ſeine Sicherheit zuü wachen. Erſt jetzt bemerkte ſie daß er einen Arm in der Binde trug, doch durfte Keins von ihnen ein Wort reden.

Sie brachte ihn glücklich in Bender's Haus, wo er an der Pfarrerin mütter⸗ liche Bruſt fiel und ein heißer Thränenſtrom ſein Herz erleichterte. Dann eilte er in das Bette, deſſen er ſo lange entbehrt. Die Kälte aber, die er drei Herbſt⸗ nächte durch ertragen hatte, blieb nicht ohne Folgen, und Elend und Kummer trugen das Ihre bei, daß er ſchwer erkannte. Jetzt erſt wurde die Lage der vier Ver⸗ trauten ſchwierig. Einen Arzt durften ſie nicht holen. Denn das würde Aufſehen erregt haben, und doch war ſein Zuſtand Beſorgniſſe der höchſten Art erregend. Guſtel wich nicht von ſeinem Lager. Sie allein pflegte ihn, wachte bei ihm, und kein Schlaf kam in ihr Auge. In ſeinen Fieberträumen ſprach er oft von ihr und was er ſagte, zeigte, wie innig er ſie liebte. Wenn ſie das auch beglückte, ſo be angſtigte es ſie auch wieder, denn ihre Liebe kannte ſie, wie nun auch ganz die Seine und dennoch dennoch ſagte ihr der geſunde, verſtändige Sinn, daß eine