Jahrgang 
1 (1858)
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Städtchens in die, an den etwas davon entfernt liegenden Bergen ſich befindenden Weinberge geführt, wo Schüſſe knallten und bisweilen der Windzug den Jubel der Leſer heruͤbertrug. Das ſtimmte nicht zu dem, was ihre Seele tief bewegte.

Der Pfarrer hatte Alles aufgeboten, irgend welche Kunde von Carl zu er⸗ halten und dieß Bemühen war rein erfolglos geblieben. Das hatte ſie von der Pfarrerin, bei der ſie häufig war, erfahren, und tiefer ſenkte ſich der Stachel des Schmerzes in die arme Seele des Mädchens. Sie dachte nur an ihn und wo er weilen, wie es ihm ergehen, wie es um ſeine Wunde ſtehen möchte. O hätte ſie ihn pflegen, ſeine Leiden mildern können! Tag und Nacht würde ſie ja gerne für ihn gewacht haben!

Ihr Blick war ziellos in die Ferne gerichtet. Leiſe rollte eine Thräne über die Wange, die ſchon ſeit langer Zeit, ſeit der Zeit der Sorgen, des Kummers um ihn, der friſchen Röthe entbehrte. Ihr frommer Sinn wies ſie dahin, wo der Helfer und Retter iſt. Sie blickte zum tiefblauen Himmel auf und ihre Lippe bewegte ſich leiſe, während ihre Hände feſtgefaltet, ſich gegen die gequälte Bruſt ſtemmten.

In dieſem Augenblicke regte es ſich in den Weiden, die nahe dem Häuschen weithin die Uferniederung dicht bedeckten, und ein bleiches Geſicht blickte nach dem Mädchen hin, aber kein Wort kam über die Lippe, das ſie hätte hören können. Sie betet, ſagte der Menſch leiſe zu ſich ſelbſt. Sie betet für mich. O ich hoffe, ihr Gebet kehrt nicht leer zurück!

In einer Stellung, die ſeinen Kopf nur mäßig über die Höhe der Weiden kommen ließ, harrte er noch einige Zeit ruhig und ſtille, weil er dieß Gebet eines reinen Herzens nicht zu unterbrechen wagte.

Wer die Geſtalt näher hätte betrachten können, würde ſie kaum als die einſt blühende, kräftige Geſtalt Carls erkannt haben. Die Geſichtszüge zeigten tiefe Spuren ertragenen Leidens. Sie waren abgemagert und hohläugig, ja man konnte jetzt den Hunger deutlich darin leſen. Die Kleidung war die eines Vagabunden.

Endlich ſanken des Mädchens Hände wieder auf den Schoß. Da tönte es herüber: Guſtel! liebe Guſtel!

Das Mädchen fuhr zuſammen, als hätte der Blitz ſie getroffen. Sogleich aber richtete ſie ſich auf. Ihr Auge, wunderbar belebt, ſchweifte umher, den zu ſuchen, deſſen Stimme ſie erkannt.

Guſtel! liebe, gute Guſtel! tönte es wieder. Jetzt ſah ſie ihn und ein er⸗ ſtickter Schrei entfuhr den Lippen. Carl winkte ihr, zu ihm zu kommen. Sie ſah ſich vorſichtig nach allen Seiten um, und als ſie nirgends eine menſchliche Geſtalt entdecken konnte, eilte ſie vom Hügel hinab, theilte mit kräftigem Arme die Weiden und war in wenigen Augenblicken bei ihm.

Welch ein Anblick für ſie!

Er lag zwiſchen zwei Weidenſtämmen auf getrocknetem Schilf. Das war ſeit drei Tagen und drei Nächten ſein Lager geweſen. 3

Als ſie vor ihn trat mit allen Zeichen des Schreckens, der Ueberraſchung und doch auch der Freude, rief er leiſe: Brot! Brot! Ich verhungere! Und flehend erhob er die Hände zu ihr. Einen Augenblick ſtand ſie ſtarr vor ihm; dann aber flog ſie zum Häuschen, holte, was ſie an Lebensmitteln hatte und brachte es ihm. Er verſchlang gierig, was ſie bot und mit nicht mehr zu hemmenden Thränen ſah ſie das faſt verſchmachtete Elend vor ſich; ſah, wie die thieriſche Natur jetzt allein in ihrem Rechte war und es ſich nicht würde haben nehmen laſſen.

Carl, Carl, woher kommſt du? ſagte ſie endlich, als der Heißhungrige, mehr ermüdet, als geſättigt, ruhte. 4 8

Frage nicht darnach, theure Guſtel, erwiederte er ihr, frage vielmehr, wie iſt es möglich, daß du nach dreien Tagen und Nächten auf dieſem Lager, unter Hun⸗ ger und Froſt, noch lebſt? Frage, was ſoll aus dir werden in dieſem Zuſtande der Entkräftung und des Elends? Ich harre ſeit drei Tagen auf dich und erſt jetzt

Die Maje, I. Jahrgang. 9