Jahrgang 
1 (1858)
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Wir weichen bloß der Uebermacht, ſagten ſie und ziehen uns auf unſre Hauptmacht zurück, wie das nicht anders ſein kann. Und ſie verſchwanden. Auf dem Fuße aber folgte ihnen das ſogenannte feindliche Heer, dem die Bevölkerung, als ihren Rettern entgegenjauchzte. Die jungen Leute kehrten wieder; die ſich hatten losmachen können und die zum Dienſte gezwungen worden waren. Die neueingeſetzten Beamten flohen oder legten ihre Stellen nieder. Der alte Bürgermeiſter trat wieder in Thätigkeit und grüßte leutſelig jedes Kind; der Einnehmer trat wieder zur leeren Kaſſe und die Gensd'armen dlten in der langen Ruhe neuen Muth angeſammelt, der bewunderungswürdig war. Aber das Volk dankte Gott aus voller Seele, daß die Ketten der neuen Freiheit ge⸗ brochen, die Ordnung hergeſtellt, die rechtmäßige Regierung wieder eingeſetzt worden war und die trüben Wolken verſchwunden, die den Himmel umzogen hatten. Alle? O Nein! Wer zählt die Thränen und Seufzer trauernder Liebe um Einen, von dem man nichts mehr hörte, von dem nur die Zurüͤck⸗ gekehrten ſagten: Er ſei der Einzige geweſen, der Muth bewieſen, aber auch verwundet worden ſei, als er einen ernſtlichen Widerſtand hatte leiſten wollen. Weiter wußten ſie nichts, als daß man ihn fortgebracht, damit er nicht gefangen würde. Wie ſchwer oder leicht ſeine Wunde ſei, wußte Niemand zu ſagen.

Der Pfarrer faltete ſeine Hände, als Guſtelchen bleich und abgehärmt, dieſe Nachrichten brachte. Er iſt ein Verirrter, ſagte er ſchmerzlich, für den wir nur beten können; aber er iſt zu edel, um nicht bald einzuſehen, wie es ſteht

und welchen Zwecken er blindlings gedient. Ich vertraue dem Herrn, der Keinen

will verloren gehen laſſen, der noch zu retten iſt! V

Alles war wieder in dem Gleiſe geſetzlicher Ordnung im Lande, der Kampf jenſeits des Rheines war längſt zu Ende, und in weiter Ferne, Manche ſchon jenſeits des Weltmeers, waren die Flüchtigen geborgen.

Die Gerichte hatten ihre Unterſuchungen beendet und die Urtheile waren bereits gefällt. Drei Jahre Gefängniß, lautete das Strafurtheil für Carl, weil viele mildernde Umſtände für ihn geltend gemacht worden waren.

Die, die ihn liebten, trauerten tief. Sie wußten nichts von ihm.

Der Amtmann war, als man ihm ſeine Stelle wieder gab, zu ſeinem Fürſten geeilt und hatte vor dem edeln Landesherrn ſein Herz und ſeine Schickſale offen dargelegt.

1 3 bin eine gebrochene Kraft, ſagte er. Die Laſt des Amtes kann ich nicht mehr tragen und die Schuld meines eigenen, irregeleiteten Sohnes drückt mich zu Boden..

Der Fürſt blickte mit tiefer Theilnahme den treuen Diener an. Er war ſelbſt ſo bewegt, daß er kaum reden konnte.

Gehen Sie in Gottes Namen, ſagte der Fürſt, nach einigem Schweigen, ich werde Ihnen ſtets gewogen bleiben und dafür ſorgen, daß Ihr Alter ſorgenlos, wenigſtens äußerlich, werden wird. Möge es der Herr mit Ihrem Sohne zum Beſten wenden.

Der Amtmann erhielt einen anſtändigen Gnaden⸗ und Ruhegehalt und zog über den Rhein zu ſeinem Freunde, dem Pfarrer, um die Kummertäge ſeines ge⸗ beugten Alters bei den Menſchen zu verleben, die ihn und ſeinen unglüͤcklichen Sohn liebten und mit ihm um den Verlorenen, Verſchollenen trauerten.

Eines Tages, es war noch ein köſtlicher Oktobertag und die Herbſtſonne be⸗ leuchtete in eigenthümlicher Schönheit den Höhenzug des Odeuwaldes, ſaß Guſtel auf einem Baumſtamme, den ihr Vater aus den Fluthen des angeſchwollenen

Rheines gelandet hatte, vor der Thüre des Fährhäuschens. Eine tiefe Stille ruhte

auf der Landſchaft, wo nur ſelten Menſchen ſich ſehen ließen. Droben weidete eine Heerde auf den Wieſen am Uferſaume. Auf der linken Rheinſeite aber war weit und breit keine menſchliche Geſtalt zu erblicken, da die Weinleſe die Bewohner des