Jahrgang 
1 (1858)
Einzelbild herunterladen

Man war eben auf der Stelle angekommen, wo nur noch ein Schritt zum völligen Durcheinander war, als die ſichere Kunde kam, ein ſchlagfertiges Heer ſammle ſich an der nördlichen Grenze des Landes.

Ein Schrei des Zornes wurde überall gehört. Die Bürgerwehr ſollte ſo⸗ gleich an die bedrohte Grenze rücken; aber nun zeigte es ſich, wie es um den Ernſt der Volkswehr ſtand. So lange dasSoldatches⸗Spielen den alten Kindern Freude machte, ſo lang es keine Gefahren gab und nur Pulver ver⸗ pufft wurde, ſo lange man mit dem Schleppſäbel oder der Buͤchſe eine teller⸗ große Kokarde am Hut oder Mütze, herumſtolziren konnte, war das Alles prächtig; jetzt aber ſollte es Ernſt werden; jetzt ſollte es gegen ein waffengeübtes, tapferes Heer gehen, gegen Kanonen, Bajonette und Spitzkugeln, die ſo abſcheulich weit treffen ſollten da fielen die Herzen in die Schuhe und der Muth war gleich dem Nebel, den der Morgenwind zerſtreut. Jeder zog ſich zurück. Jeder hatte Gründe der gewichtigſten Art. Als letzte Vertheidiger des Heerdes und der Familie wollten ſie zu Hauſe bleiben.

Carl war außer ſich. Sein Muth, ſeine Treue für die Sache, der er Alles geopfert, ſtand feſt, wie ein Fels in brandender Fluth. Es blieb, das wies er der neuen Regierung nach, kein Mittel, als die jungen Leute gewalt ſam auszuheben. Das geſchah, allein die man am Abende vorher noch geſehen, waren am Morgen verſchwunden. Die Lage fing an verzweifelt zu werden. Dennoch kam Hülfe. Wie aus der Erde heraus wuchſen die Freiſchärler. Polen, Franzoſen, Handwerksburſchen, Tagediebe, Vagabunden mit Einem Worte, Menſchen, vor deren Anblick Jeden ein Grauen hätte überkommen können, ſammelten ſich, bewaffnet bis an die Zähne, und boten Arm, Bruſt und Herz, wie ſie ſagten dem Vaterlande an.

Es fanden ſich begeiſterte Mitführer ein und Carl zog mit ſeiner Schaar ab zur Grenze, dem ſogenannten Feinde entgegen. Da erſt bluteten die treuen Herzen im Pfarrhauſe und im Fährhäuschen kniete oft in ſtillen Stunden ein bleiches Mädchen und hob das begeiſterte Auge betend zum Himmel, daß die rettende Gnade ſich ſeiner erbarme, ihn ſchütze, zu beſſerer Erkenntniß führe und ihn rette!

An der Grenze, da wo ein kleiner Fluß ſich dem Rheine zudrängt, ſah es bunt aus. Männer und Jünglinge mit Bärten von erſtaunlicher Wildheit, Schlapphüten und Mützen, in jeglichem Aufzuge, bewaffnet bis an die Zähne mit Piſtolen, Säbel und Büchſe, trieben ſich in den Wirthshäuſern herum und redeten von Nichts als Sieg und des Feindes Vernichtung. Die Bauern ſahen mit Schrecken dieſe Leute, die ihre Vorräthe aufzehrten und ſie trotz der Volksfreundſchaft und der Brüderlichkeit und Gleichheit im Munde, aufs Aergſte drängten. Mancher ſchuͤttelte den Kopf und ſah ſehnſüchtig hinüber nach den Befreiern. Einer machte die richtige Bemerkung, die aufbewahrt zu werden ver⸗ dient: Seid gutes Muthes, Ihr Nachbarn, die halten nicht Stich. Je mehr Waffen, je weniger Muth! Laufen iſt das Beſte, was ſie können, und dann maulfechten und trinken. Das war ein richtiges, geſundes Urtheil und es be⸗ währte ſich vollkommen.

Spione hatten ſie in Hüll' und Fülle. Als ſie erfuhren, in der näͤchſten Nacht werde das Heer einruͤcken, da wurde Kriegsrath gehalten.

Laufrath, ſagte der alte Bauer, der obige Bemerkung gemacht hatte, und auch darin hatte er Recht. Wie Spreu im Winde vn ſchandon die Volks⸗ männer, aber die Kaſſen nahmen ſie mit, wo man ſie ihnen feig übergab.

Bis zu dieſem bedrohlichen Augenblicke wartete der gute Perlenmeier nicht. Eines ſchönen Morgens war ſeine Wohnung leer. Der angeſchraubte Geld⸗ kaſten war feſt verſchloſſen und als der Gemeinderath ihn von einem Schlöſſer öffnen ließ war er ſo leer, als Perlenmeiers Wohnung! Aber ſchon am Abend erſchienen die Vaterlandsvertheidiger mit bleichen Geſichtern.