— 126—
umging, und wie ſie, nur Thränen hatte für die Verirrungen deſſen, in dem ihre Liebe zuſammentraf. Guſtels Wangen bleichten. Man ſah den Kummer mit dem ihre Seele rang. Wie oft lag ſie auf ihren Knieen in heißem Gebete für ihn, deſſen Verderben ſie mit Rieſenſchritten kommen ſah. Und wie furcht⸗ bar beugte es den Armen, der um ſeines Sohnes Verirrung trauerte, am Kranken⸗ bette ſeines Weibes ausharren mußte und denſelben Strom des Verderbens über ſein Haupt hereinbrechen ſah, den Carl jenſeits des Rheines über das manches wackeren Mannes heraufbeſchwören half!
Auch in dieſer Gegend brach der Sturm verheerend aus, und zu einer Zeit, die für den Amtmann, der ein treuer Diener ſeines Fürſten war, ohnehin eine dop⸗ pelt herbe war. Seit der Amtmännin Kind geſtorben war, nagte der Wurm der Krank⸗ heit ungehemmter noch an ihrem Leben. Die Krankheit trat entſchiedener auf, und, war ſie in geſunden Tagen ſchon dazu geneigt, durch Tauſend kleine Quälereien, durch Unzufriedenheit und ſchneidende Worte ihre nächſten Angehö⸗ rigen zu martern, ſo hatte das jetzt den höchſt möglichen Grad erreicht. Sie verlangte, ihr Gatte ſolle nicht einen Augenblick ſie verlaſſen, und ſein Amt forderte doch den pflichttreuen Mann. Blieb er einmal länger, als ſie es ge⸗ wünſcht, auf ſeiner Amtsſtube, ſo war der Vorwürfe kein Maß und Ende, die bitter und heftig ſich über den armen Kreuzträger ergoſſen. Grade in dieſer Zeit war es, als eine Volksverſammlung ſeine Abſetzung beſchloß. An einen Schutz von oben her war nicht zu denken. So blieb dem gebeugten Mann nichts übrig, als der Gewalt zu weichen. Er erklärte dies der Deputation, bat aber doch einige Rückſicht auf ſeine todtkranke Frau zu nehmen; aber das war keine Zeit für gebotene Rückſichten, für ſchonende Milde. Das Volk zog brüllend vor das Amthaus und— der Schrecken, die Aufregung das Entſetzen brachte der Kran⸗ ken einen Blutſturz, in dem ſie ihre Seele aushauchte. Mit der Leiche verließ der alte Mann das Amthaus, um eine beſcheidene Miethwohnung zu beziehen.
Als die Leiche beſtattet war und er alleine kummervoll in ſeinem Sorgſtuhle ſaß, trat die noch immer rüſtige alte Catharine herein, die das Weib„ausge⸗ biſſen“ hatte, und ſagte: Herr Amtmann, Sie ſind wieder alleine. Zwar ſind jetzt der Sorgen weniger, als damals— da Carl noch ein Säugling war— aber ich glaube, es iſt meine Pflicht, meine treuen Dienſte ihnen wieder anzu⸗ bieten. Ich kenne Ihre Weiſe, Ihre Bedürfniſſe— ſtoßen Sie mich nicht zurück!
Weinend drückte der Amtmann die dargebotene Hand eines goldtreuen Her⸗ zens, das er mit Schmerz hatte vor Jahren ſcheiden ſehen müſſen. Er konnte nicht reden; aber die alte treue Seele verſtand ihn. Sie blieb und wenn er in tiefem Leide über Carl und über die Dinge ſeufzte, die da geſchahen, pflegte ſie tröſtend zu ſagen: der alte Gott in Israel lebt noch und ſein Weg geht durch Nacht zum Licht.
Damit wies die fromme Magd ihrem Herrn den rechten Weg, zu dem ſich die Seele in ſo trüben Tagen wenden mußte und dahin, woher allein die Hülfe kommen konnte und mußte, die Licht ſchaffete in dieſer Finſterniß, Frieden in dieſen Kämpfen, Troſt in dieſer Trübſal und Ordnung in dieſem wilden Durcheinander widerſtreitender Ereigniſſe und Beſtrebungen.—
Druͤben, jenſeits des Rheines ging's im raſchen Gange immer weiter dem Abgrunde zu und Carl wurde mit jedem Augenblick mehr in den Strom hinein⸗ geriſſen. Er hatte in einem weiten Kreiſe nun die vollziehende Gewalt. Nie⸗ mand konnte ſagen, daß er ſie jemals dazu mißbraucht habe, ſeine eigenen Zwecke zu erreichen; aber er war ein völliges Werkzeug derer, die an der Spitze der Bewegung ſtanden und lieferte die Kaſſen aus, wie ſie es wünſchten. Nur die des Städtchens hielt Herr Bezirkseinnehmer Perlenmeier in feſter Hand und ließ ſie nicht antaſten. Das wurde ihm in dem Städtchen hoch angerechnet und
ſtellte ihn weit über Carl, der in jugendlicher Hitze raſch angriff und raſch be⸗
endete, was er angriff.


