Sie ſahen ſich oͤfter, als ſie ſich ſprachen; denn Carl fand wenig Zeit vor ſeinem Eramen, über die er hätte verfügen können, um einmal der alten, aber nicht veralteten Liebhaberei ſich hinzugeben, zu angeln oder mit Bender zu fiſchen. Dennoch waren die Gedanken, die Herzen ſich nahe. Fanden ſie ſich alleine, ſo hatte Guſtel ihre ganze Unbefangenheit wieder. Sie ſagte Du zu ihm; ſie plau⸗ derten traulich von der Vergangenheit, lachten, ſcherzten, aber das Mädchen hatte eine merkwürdige Art und Weiſe, den jungen Mann in einer gewiſſen Entfernung zu halten, und dieſe Weiſe lag in ihrem wunderſamen Weſen, in einem Ernſte, in einer eigenthuͤmlichen Würde oder wie man es nennen mag. Sie gab ihm nicht einmal ihre Hand und er, der das Mädchen mit voller Seele lieb hatte, war nicht keck genug, dieſe liebe Hand einmal ſich zu nehmen. So blieb das Verhältniß ſich gleich und nur, wer ſie heimlich hätte beobachten können, würde auch bei dem Mädchen das unwillkührliche Hervorbrechen eines tieferen Gefühles haben beob⸗ achten können.
Nach dem Exramen hatte Carl ſo eigentlich Nichts zu thun; aber es war eine Zeit gekommen, die dem jugendlichen Geiſte eine Richtung gab, die ihn mit ſich fortriß. War ſchon jene Saat fruͤher geſtreut, die jetzt aufging, ſo entfaltete ſie ſich doch jetzt in anderem Maße und mit andern Aeußerungen ihres Lebens.
Wir haben's Alle erlebt, das Jahr 1849, das manche Köpfe noch toller machte, als ſie Anno 48 geweſen waren, und da hatte doch nichts an der allgemeinen Tollheit gefehlt. Nun aber galt es den Leuten, die zu weit vorangegangen waren, das feſtzuhalten gegen eine andere Richtung der Zeit, die einlenken wollte in die verlaſſenen Gleiſe der Beſonnenheit, der Ordnung und der Geltung des Geſetzes, in die Gleiſe, die allein dem Leben und Beſtehen zuſagen und gegründet ſind, wie im Bedürfniß des Einzelnen, der Familie, des Volkes, ſo im heiligen Worte des Herrn.
Niemand hatte ſich ſeit langer Zeit im Städtchen beſſer geſtanden und befun⸗ den, als der dicke Kronenwirth. Wenn man glauben wollte, ſein Schildzeichen habe den Leuten von damals, denen die Kronen auf den Häuptern der Könige und Fürſten ein Greuel waren, die ſie gerne herunter geriſſen und zertreten hätten, unangenehm in die Augen geleuchtet und ſie hätten's im Zorne heruntergeriſſen, ſo hätte man ſich ſehr geirrt. Weder das Eine, noch das Andere fand Statt. Man vergaß, wie es ſcheint, über dem Wirthe und dem was er bot, dieß verhaßte Zeichen. Er war aber auch ein prächtiger Menſch! Er hatte Augen— und ſah nicht; Ohren und hörte nicht, einen Mund, und redete— nicht?— Nein, dazu war er zu klug; er redete vielmehr, wie es Jedem in ſeinen Kram taugte und gefiel, rechts und links, und das war in jenen Tagen das Ausreichendſte und eben das Mittel, wenn's mit der gehörigen Klugheit geſchah, es mit Niemanden zu verderben. Er dachte: wenn ich nur Gäſte habe, die Durſt haben und— Geld. Und Durſt hatten ſie Alle, nur nicht Alle das Andere, was dem Kronenwirth mehr galt, als der Durſt. Die Krone wurde nicht leer, denn die tapfere Bürger⸗ wehr bam⸗ wenn's zum Erercierplatz ging, an ſeinem Hauſe vorbei und bedurfte der Stärkung für die bevorſtehenden Anſtrengungen, und wenn ſie zurückkam, Erquickung für die überſtandenen. Die Polizei war noch ſchlaftrunken von Anno 1848. Der Bürgermeiſter hielt ſich weislich hinter dem warmen Ofen und ſchloß mit der anhebenden Dämmerung mit eigner Hand ſeine Läden, weil er fürchtete, er möchte einmal in die unangenehme Nothwendigkeit verſetzt werden, den Glaſer in Arbeit zu ſetzen. Die beiden Gensdarmen dachten grade ſo, und blieben daheim, damit ſie ſich nicht etwaigen Unannehmlichkeiten perſönlich ausſetzten. Hinter Schloß und Riegel war Sicherheit. Das Alles kam dem Kronenwirth zu Gute, in deſſen Hauſe herrliche Reden gehalten, und die edlen Katzenmuſiken vorbereitet wurden, die man mißliebigen Perſonen brachte oder Ständchen und brüllende Lebehochs denen, die klug den Wind benutzten, der eben wehte, um ſich beliebt zu machen und als Volksfreunde zu gelten. Kurz, es war eine feine, luſtige, durſtige, freie Zeit, eine prächtige Zeit, wie man ſie oft geträumt, aber nie erlebt; und manche lange
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