Jahrgang 
1 (1858)
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Schrei aus. Eine Gluthröthe überzog das Geſicht des ſchönen Mädchens und in der Verwirrung ließ ſie einen Riemen in's Waſſer fallen, ohne ſich nach ihm zu bücken. Carl Prang herbei, zog ihn heraus und ſagte: Siehſt du, ich ſoll dir wieder riehen helfen, wie damals, als wir noch Kinder waren! Er reichte ihr ſeine Hand und von Neuem mit Gluth uͤbergoſſen, legte ſie die ihre hinein, die Carl mit aller Innigkeit drückte.

Ach, ſagte ſie endlich, wie haben Sie mich erſchreckt!

Sie? rief Carl aus. Wie, liebe Guſtel, haben das die paar Jahre ſchon fertig bringen können, daß ich das liebe Du aus deinem Munde nicht mehr öre?

) Es würde ſich nicht mehr ſchicken, ſagte das Mädchen, unter ſich blickend, und ſo leiſe, daß Carl es kaum verſtand.

Er hielt noch ihre Hand. Nicht ſchicken? rief er wieder und lachte ſpottend. Kind, ſagte er, laſſ' die Poſſen von dem Schicken und ſich Nichtſchicken! Ich bin und bleibe dir Pfarrers Carl, der Geſpiele deiner Kindheit, einer Zeit, auf die ich noch am Grabe mit ſtillem Heimweh zurückblicken werde. Nenn' mich Du, meine

theure Guſtel, ſonſt machſt du, daß ich hier nicht bleibe.

Ich darf nicht! lispelte das Mädchen. Ich darf nicht, wiederholte ſie, als hätte er's etwa überhören können.

Du darfſt nicht? Wer will dir's wehren?

Die Leute und deine Stellung!

Carl ſtaunte das Mädchen an. Das klang ihm ſo fremd. Das Wort: Stellung war ſo ganz außerhalb der Rede⸗ und Denkweiſe, in die ihr Stand

und ihre Bildung ſie wies; aber ſie hatte unbewußtdeine Stellung geſagt, das

üͤbertönte Alles und er hatte ſie mögen an ſeine Bruſt ziehen, und haͤtte es

6 gethan, aber ſie ſah ihn ernſt und wehmüthig an, entzog ihm gewaltſam ihre

Hand und ſagte: Zeit und Umſtände ändern Viel. Die Kinderſchuhe ſind aus⸗

getreten!

1 Aber die Kinderherzen, Guſtelchen, die Kinderherzen? rief Carl, ſollen die auch, wie Kinderſchuhe, gewechſelt werden? Ich kann's nicht. Kannſt du es?

4 Sie beugte ſich tief, daß er ihr Geſicht nicht ſehen konnte und ſagte: Ach Gott, es kommen Leute!

f Carl überblickte in dieſem Augenblicke ihre Lage. Du haſt Recht, Kind, ſagte

er. Ich fühle, was ich dir ſchuldig bin! Und mit dieſen Worten ſetzte er ſich anſcheinend ruhig auf die Kahnbank. Die fremden Leute ſtiegen in den Kahn,

grüßten höflich, und ſetzten ſich. Einer hob den Kahn vom Strande und Carl

ergriff das Handruder. Er ſetzte ſich in die andre Kahnſpitze und ſteuerte wie

ſonſt und auf dem ſchönen Geſichtchen ihm gegenüber lag ein unbeſchreib licher

Ausdruck.

1 IV.

Zwiſchen dieſem Augenblicke und dem, was ich nun zu erzählen habe, liegen

viele Monate, ja faſt ein Jahr. Carl war ſehr fleißig geweſen im friedlichen Pfarr⸗

hauſe. Er hatte ſein Examen glänzend beſtanden. Sein Vater fühlte ſeit langer

4 Zeit einmal wieder, was das Wort: Freude ausdrückt. An eine Anſtellung war indeſſen nicht zu denken, denn eine Menge junger Leute war vorhanden, welche darauf ſchon lange wartete, und ſie hatten jedenfalls den Vorzug des längeren Wartens oder des Alters vor Carl voraus. 3

Das Stübchen, wo er ſtudirte, ging gegen Benders Haus hin und Vielhun⸗

dertmal des Tages glitten, trotz alles Fleißes die Augen über die Bücher weg,

hinüber, wo eine ſchlanke Mädchengeſtalt oder ein ſchönes Auge, das ſich verſtohlen nach ſeinem Fenſter richtete, ſichtbar wurde. Dann nickten ſie ſich zu, und es war gut. Freilich währte es bei Carl ziemlich lange, bis die Gedanken wieder in das

Gleis kamen, aus dem Mädchengeſtalt oder Blick ſie herausgebracht.

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